Nuptse Ostgrat Expedition 2012 – Gipfel!! via Nordpfeiler

Sonntag, 20 Mai 2012

Das Team         Nuptse 7861 m

Liebe Freunde,

in den letzten Tagen hat sich für uns viel ereignet.

Eine sehr spannende, anstrengende, wunderschöne Zeit liegt hinter uns. Am 17. Mai um 13.00 Uhr standen David und ich am Gipfel des Nuptse. Ein lange gehegter Wunsch ist in Erfüllung gegangen.

Aber alles der Reihe nach.

Tagelang warteten wir im Basislager auf wind – und schneearme Tage, die wir für einen zweiten Versuch, den Nuptse zu besteigen, nützen wollten.

Endlich war es soweit. Am 14. Mai stiegen David und ich nach Lager II auf und von dort am darauffolgenden Tag weiter zum Pfeilerfuß. Der 16. Mai sollte unser Gipfeltag werden. Mit Ralf standen wir zweimal täglich in Kontakt, der uns kurzfristig empfahl, doch lieber auf den 17. Mai zu warten. Dieser Tag sähe windärmer und insgesamt stabiler aus. So warteten wir am 16. Mai am Wandfuß die ersten Sonnenstrahlen ab, packten unsere Rucksäcke und stiegen in die Nordpfeiler Route ein. Wir  hatten umdisponiert und entschieden uns für ein weiteres Biwak auf ca.7250 m.

Der Pfeiler im unteren Teil ist sehr ausgesetzt und mit viel Blankeis durchzogen. Hochkonzentriert kletterten wir am laufenden Seil Meter für Meter höher. Ca. alle 20 Meter setzten wir eine Eisschraube und kamen dadurch sicher und stetig voran.

 

Am oberen Ende des Eispfeilers steilt sich die Route über 20 Meter noch einmal ziemlich auf; dann hatten wir gut ein Drittel geschafft und beschlossen, bei einsetzendem Schneefall und kaum Sicht einen Biwakplatz einzurichten. Ohne viele Worte waren David und ich uns einig. Wir gruben, hackten und arbeiteten, bis unser kleines Zelt wieder an einsamer, ausgesetzter Stelle dastand wie auf einem Adlerhorst.

Nach dem stundenlangen, steilen, anspruchsvollem Aufstieg, fühlten wir die Müdigkeit. Die schweren Rucksäcke, das ständige gegenseitige sichern, hohe Konzentration, das alles machte sich bemerkbar. Trotzdem lief alles wie am Schnürchen. Einer holte Eis, während der andere im Zeltinneren alles herrichtete.

Wir achteten darauf, dass jeder ausreichend Flüssigkeit zu sich nahm und versuchten, uns für den nächsten Tag zu erholen.

Nur mit wenigen Menschen läuft alles so stimmig und unkompliziert wie mit David. Ohne viele Worte wechseln zu müssen, weiß jeder von uns, was er zu tun hat und wo die Prioritäten liegen.

Abends bestätigte Ralf noch einmal den Wetterbericht, der für uns besonders wichtig war. Bei einsetzendem Schneefall würde es für uns sehr kritisch werden.

Um 2.00 Uhr früh läutete Davids Wecker. Heute früh hatte ich Glück – er war dran mit Schnee schmelzen. So durfte ich noch eine halbe Stunde länger in meinem Schlafsack dösen. Das gesamte Zeltinnere hatte sich in eine Eishöhle verwandelt. Sobald einer von uns irgendwo am Zelt anstreifte, rieselte das Eis. Wir kennen diese Situation, und trotzdem ist es jedes Mal eine Herausforderung, auch solche Momente gelassen  hinzunehmen. .

Kurz vor den ersten Sonnenstrahlen, um 6.15 Uhr, brachen wir bei eisigen Temperaturen auf. Wieder am laufenden Seil versuchten wir die bestmögliche Linie durch Fels, Schnee und Eis nach oben zu finden.

Mittlerweile erschwerte uns die anstrengende Spurarbeit ein rasches Vorwärtskommen. Regelmäßig wechselten wir uns dabei ab. „Mein Mantra“ schlich sich wieder in meinen Kopf. „Ich habe Kraft, Energie, Erfolg, ich bin gesund und dankbar“.  Bis oben hin begleitete es mich.

   

Der Tiefblick während des gesamten Aufstiegs war schlichtweg atemberaubend. Wir konnten schon von unserem Biwakplatz aus das Basislager, das gesamte Western Cwm, Lager II, Lager III in der Lhotse Flanke und sogar die tibetische Hochebene  sehen!!!

       

Die beiden markanten Eistürme in Gipfelnähe rückten langsam näher. David zweifelte ein wenig, ob dort oben tatsächlich der Gipfel wäre. 20 Meter unterhalb wechselten wir noch einmal den Vorstieg.

An Davids Freudenschrei konnte ich erkennen, dass er tatsächlich am Gipfel angekommen war. Ich kletterte hinterher, bereits bei den letzten Metern hin zum höchsten Punkt, war wieder alles geballt da. Riesengroße Freude, Dankbarkeit und Glück durchströmten mich.

     

16 Jahre nachdem Ralf mit Axel Schlönvogt über die „Scott Route“ den Gipfel erreichte, durften nun auch David und ich bei fast Windstille!!! und einzigartigen Ausblick hier oben stehen. Insgesamt hat der Nuptse Hauptgipfel nur sehr wenige Besteigungen, während sich am Everest jedes Jahr mehrfach lange Menschenketten bis zum Südsattel schlängeln.

Von hier oben ist die Perspektive wunderschön, völlig anders als die von Mt. Everest und Lhotse, obwohl diese drei Berge unmittelbar beisammen stehen.

Nun mussten wir gemeinsam vor allem wieder gesund hinunter kommen. Noch einmal war höchste Konzentration erforderlich. Kein auch nur noch so kleiner Fehler durfte uns passieren. Wie oft waren wir bereits in solch einer Situation, kannten diese Momente. Umso wichtiger war es, aufzupassen. Durch die Routine läuft man Gefahr, nachlässig zu werden. Genau das wollten wir vermeiden.

Müde und völlig ausgekühlt kamen wir an unserem Biwakplatz an. Wir beschlossen, die Nacht noch einmal dort zu verbringen um am nächsten Morgen das letzte Drittel des Pfeilers gut und sicher zu bewältigen. Früh morgens ersehnten wir die Sonne wie selten zuvor. Eine eisige Nacht lag hinter uns. Kaum 2 Stunden später wurde die Hitze beinahe unerträglich. Diese Kontraste erlebe ich nirgendwo anders so intensiv… in allen Belangen.

Abkletternd und zum Teil abseilend kamen wir der Randkluft des Peilerfusses näher. Bald hatten wir es geschafft.

Überglücklich erreichten wir um die Mittagszeit Lager II.

Ralf erwartete uns dort bereits. Insgeheim hatte ich gehofft und gebetet, ihn dort anzutreffen. Er kam vom Südsattel (7.950 m) zurück. Eigentlich wollte er an diesem Tag den Gipfel des Mt. Everest ohne Flaschensauerstoff versuchen. Er hatte am Vortag seine gesamte Ausrüstung ohne fremde Hilfe zum Südsattel hinaufgetragen. Am Morgen spürte er, dass er seinem Körper zu viel zumuten würde, er nicht gesund genug war, um diesen Aufstieg zu wagen. Ich machte mir während unserer Besteigung am Nuptse immer wieder  Gedanken, ob er wohl seine Erkältung tatsächlich komplett auskuriert hatte. Ich hoffte und vertraute darauf, dass Ralf die für ihn richtige Entscheidung treffen würde, wie er dies schon oft getan hatte.

Nun waren wir wieder zusammen. Ralf hat mir versprochen, den Everest nicht mehr zu versuchen, worüber ich unheimlich erleichtert bin. Um ohne Hilfe von Hochträgern und ohne Flaschensauerstoff in diese Höhen zu steigen und vor allem wieder gut und gesund nach unten zu kommen, muss wirklich alles hundertprozentig stimmen.

Gestern Abend saßen David, Ralf und ich sehr müde aber erfüllt von unbeschreiblich eindrucksvollen, intensiven Tagen, in unserem Basislager. Bei einem Teller Kartoffeln erzählten wir uns gegenseitig und freuten uns. Das Leben ist so schön!!!

An dieser Stelle möchte ich mich von Herzen für euer Interesse und fürs Daumen drücken bedanken!!!

Ein großes Dankeschön an meine Sponsorpartner die mich auch nach der Besteigung aller 14 Achttausender unterstützen und weiterhin mit mir zusammenarbeiten!!!

DANKE an Stefan Dech und sein Team des Deutschen Luft und Raumfahrtzentrums.

Vielen Dank an Kathrin und Nicola, die zu Hause nach dem Rechten sehen und uns den Rücken – nicht nur während der Expeditionen – freihalten.

Nie zu vergessen die mühevolle Arbeit unseres Koches Sitaram, der uns seit Jahren begleitet und uns bestens bekocht.

Vielen Dank an meine Freundin Billi Bierling für die englische Übersetzung.

Euch Allen wünsche ich einen wunderschönen Sommer, bleibt gesund und wagt, eure Träume so gut es geht zu leben.

Einen ganz herzlichen Gruß aus dem Basislager!

Eure Gerlinde

PS: Einen aktuellen, sehr spannenden Bericht von Ralf findet ihr auf www.ralf-dujmovits.de


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Nuptse Ostgrat Expedition 2012 – 4. Bericht

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Montag, 7. Mai 2012

Das Team         Nuptse 7861 m


Liebe Freunde,

am frühen Morgen des 4. Mai fällt es mir nicht leicht, bei eisigen Temperaturen  aus dem einigermaßen warmen Schlafsack zu schlüpfen. Die Blase drückt, und der Kocher soll gestartet werden. David und ich möchten ja heute zum Einstieg des Nuptse Nordpfeiler aufsteigen.

Noch bietet der Daunenanzug Schutz vor der Kälte, in wenigen Stunden sollte er uns jedoch ziemlich zu schaffen machen. Zuerst stiegen wir den flachen Korridor bis fast zur Lhotse Flanke auf, danach bogen wir rechts ab unter die Nuptse Nordwand. Auf einer waagrechten Terrasse unter hängenden Eisseracs versuchten wir mit unseren schweren Rucksäcken bei mittlerweile großer Hitze so schnell als möglich durch zu kommen. Kurz vor Beginn des Pfeilers stiegen wir eine etwas steilere, spaltenreiche Schneerinne auf, bis wir im Schutze eines Felsausläufers des Nordpfeilers auf 6900 m eine kleine Plattform für unser Minizelt aus dem Eis hackten.

        

Von hier aus hatten wir eine ideale Ausgangsposition für die kommende Nacht.
Der Abend zeigte sich wie so oft von seiner allerschönsten Seite. Dieser erreichte mit dem Aufgang des Vollmondes direkt östlich des Lhotse seinen Höhepunkt.

Zuversichtlich und sehr zufrieden lagen wir bereits um 19.00 Uhr in unseren Schlafsäcken. Mit dem Rücken an die Felswand gedrückt, schlief ich bald ein. Schnell und tief schlafen!!! Denn um Mitternacht surrte bereits schon wieder der Kocher fürs „Frühstück“. Hunger und Durst verspürte ich keinen, aber das kenne ich um diese Zeit. Wir brauchten Energie für den bevorstehenden Aufstieg. Der Blick nach draußen versprach jedoch nichts Gutes. Um 3.00 Uhr früh standen wir angezogen in voller Montur vorm Zelt. Es schneite ganz leise, ruhig und beständig dahin. Das durfte doch nicht war sein. Es dauerte auch gar nicht lange bis „Spindrifts“ die steile Nuptse Nordwand herunter sausten. Nun war klar, nicht hinauf, sondern so rasch als möglich abwärts. Würden wir hier länger zuwarten, würden wir in einer Mausefalle sitzen. Zu Beginn konnten wir noch wage unsere Spur des Vortages erkennen, aber schon bald mussten wir bei kaum 5 Meter Sicht, das GPS zu Hilfe nehmen, um überhaupt wieder ins Lager II zu finden. Sherpas, die beabsichtigten, in der Lhotse Flanke aufzusteigen, standen plötzlich vor uns und hofften, unseren Spuren folgen zu können. Sie hatten sich im dichten Nebel verlaufen.
David und ich deponierten unsere gesamte Ausrüstung im Lager II und stiegen, wieder so rasch als möglich, durch den Eisbruch ab ins Basislager.

Dankbar über die gesunde Rückkehr und hungrig, saßen wir um 8.00 Uhr mit Ralf beim Frühstück.

Mittlerweile geht es ihm Gott sei Dank wieder besser, dennoch wird er uns bei einem zweiten Versuch ebenfalls nicht begleiten sondern eher versuchen zur besseren Akklimatisation den Südsattel am Everest auf knapp 8000 m zu erreichen.

Im heurigen Jahr ist alles ein wenig verdreht. Wir werden sehen, wie sich das Wetter entwickelt.

Für heute viele liebe Grüße und schöne sonnige Tage wünsche ich euch.

Herzlichst,
Gerlinde

weitere Informationen finden Sie auf Ralf’s Seite: www.ralf-dujmovits.de


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Nuptse Ostgrat Expedition 2012 – 3. Bericht

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Dienstag, 01. Mai 2012

Das Team         Nuptse 7861 m

Liebe Freunde,

unser zweiter Akklimatisations-Aufstieg liegt schon wieder 2 Tage hinter uns. Viele Stunden voller landschaftlicher Schönheit im Hochtal Western-Cwm und der Westflanke des Lhotse, in der wir auf 7100 m eine einsame Nacht zu dritt in unserem kleinen Hochlagerzelt verbracht haben. Aber auch einige Stunden, die uns ziemliche Sorgen bereitet haben: nach einem sehr trockenen Winter im Everest-Gebiet sind die Flanken von Nuptse, Lhotse und Everest völlig ausgeapert und trocken. Blankeis und Steinschlag waren unsere ständigen Begleiter. Zudem ist der mächtige Eisbruch oberhalb des Basislagers in einem beängstigenden Zustand. An einigen Stellen, vor allem zum Ende des 700 m hohen Eis-Trümmerhaufens, hängen von der Westschulter des Everest haushohe Eisblöcke absturzbereit über der Aufstiegsroute. Insgesamt sind wir froh mit der Vorakklimatisation am Lobuje East (siehe 2. Newsletter) zumindest einmal weniger durch den Eisbruch steigen zu müssen, um an die Flanken des Nuptse und Lhotse zu gelangen.

Am 22. April fand am idealen Tag – entsprechend dem Sherpa-Kalender der Tag der Mondwende – die traditionelle Puja statt. Sehr schön und respektvoll gestaltet von unserem Küchenteam und einem Mönch, der in einer parallel agierenden Expedition als Hochträger arbeitet. Die Besteigung kann beginnen.

    

Da der Wind in der Höhe aber zunächst noch sehr stark war, wollten wir mit dem ersten Aufstieg vom Basislager noch einen Tag zuwarten. Am 24. April war es dann endlich so weit – um kurz nach 5:00 Uhr starteten wir zum 1. Mal durch den Eisfall. Zuerst ging es moderat und wenig zerrissen nach oben. Erst in der zweiten Hälfte des Aufstiegs realisierten wir, was dieses Jahr an Gefahrenpotenzial zu akzeptieren ist. Angespannt und so schnell als möglich stieg jeder für sich entlang der von den Eisfall-Doctors abgesicherten Route auf.

    

David, Ralf und ich waren froh als wir den sicheren Bereich von Lager I auf knapp 6100 m erreicht hatten. Nach einer Pause stiegen wir das flache Hochtal des Western Cwm weiter hinauf – eingerahmt von den steilen Nordwänden des Nuptse, der Westflanke des Lhotse und der gewaltigen Südwand des Everest. Auf 6400 m standen schon viele Zelte der großen, kommerziellen Everest-Expeditionen. Am oberen Ende der Lagermöglichkeiten bauten wir unsere beiden kleinen Biwakzelte auf.

    

Den folgenden Tag liesen wir sehr gemütlich verrinnen: viel trinken, spätes Frühstück, nette Gespräche mit Kollegen, die wir schon lange kennen. Der Argentinier Damian Benegas ist gerade nebenan. Er hat vor einigen Jahren mit seinem Bruder Willie eine schöne, sehr steile Linie am Nuptse erstbegangen.

Am 26. April stiegen wir zum Bergschrund unserer geplanten Aufstiegsroute durch die Nordflanke des Nuptse zu seinem Ostgrat auf. Leider bestätigte sich unsere Vermutung, dass die Route sehr trocken, ausgeapert und dadurch enorm steinschlägig ist. Große Steine liegen direkt am Wandfuß. Schnell waren wir uns einig, dass diese Route zum Erreichen des Ostgrats nicht in Frage kommen würde: zu gefährlich.

    

Wir hatten gesehen, was uns wichtig war und kehrten zum Lager II zurück, wo wir bei wunderschönem Wetter einen traumhaften Spätnachmittag verbrachten.

    

Der 27. April begann windig – wir wollten nach Lager III aufsteigen. Schon auf dem Weg zum Bergschrund unter der Lhotse-Flanke merkte Ralf – wie auch die letzten Tage schon – dass er mit stark angezogener Handbremse unterwegs war. Er wollte schneller aufsteigen, jedoch kam einfach keine Energie. Ralf kam spät nach uns am Biwakplatz auf 7100 m an. David und ich errichteten in fast 2 stündiger Arbeit eine Plattform unter einen Eiswand um dort Schutz vor Steinschlag zu haben und bereiteten Flüssigkeit für Ralf und uns vor. Seine Erkältung vom Lobuje ist leider noch nicht richtig auskuriert. Wir waren die einzigen, die in dieser Nacht in der Lhotse-Flanke, übernachteten. Für uns drei eine zwar anstrengende, dafür ideale Akklimatisationsnacht.

    

Auch der 28. April begann wieder sehr windig – vor allem erreichte uns die Sonne erst sehr spät. Aber wir hatten es nicht eilig und so packten wir die Rucksäcke erst am frühen Nachmittag für den Abstieg. Unser erstes großes Zwischenziel, eine Nacht auf über 7000m war erreicht und um 14:40 Uhr begannen mit dem Abstieg. Etwas müde und sehr zufrieden erreichten wir pünktlich zum Abendessen das Basislager – Sitaram hatte zum Abschluss dieses langen Tages ein wunderbares Essen gezaubert.

      

Lange schliefen wir aus am nächsten Vormittag – aber schon kurz nach dem Frühstück war klar, dass Ralf unserer befreundeten spanische Ärztin Monica ( Expeditionsärztin von Russel Price) einen Besuch abstatten sollte. Es fehlte ihm einfach Energie und Schubkraft – was er gerne abklären wollte. Monica stellte eine Nasennebenhöhlenentzündung fest. 7 Tage Pause und Breitband-Antibiotika-Einnahme sind unbedingt notwendig.
Ralf muss sich nun erst mal auskurieren und hat David und mich gebeten, bei nächstbester Gelegenheit alleine zum Nuptse aufzubrechen. Momentan, meint er, würde er eine echte Gefahr für uns und sich selbst bedeuten.
Sehr gerne wäre ich vor allem auch mit Ralf am Nuptse unterwegs gewesen, aber die Gesundheit geht wie immer vor.

David und ich werden nun versuchen, über den Steinschlag-sicheren, wunderschönen Nordpfeiler des Nuptse – die sogenannte Scott Route – hinaufzuklettern.

  

Wenn wir wieder zurück sind, melde ich wieder bei euch.
Bis dahin einen ganz herzlichen Gruß und bitte in den nächsten Tagen Daumen drücken :-)

Herzlichst
Gerlinde


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Nuptse Ostgrat Expedition 2012 – 2. Bericht

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Freitag, 20. April 2012

Das Team         Nuptse 7861 m

Liebe Freunde,

Vorgestern Nachmittag erreichten wir das Basislager des Mt. Everest, Lhotse und Nuptse, auf ca. 5300 m gelegen.
Dieses Mal empfinden wir die Atmosphäre hier als sehr angenehm. Bis jetzt sind im Vergleich zu 2009 (unserer Lhotse Expedition), deutlich weniger Leute anwesend, die sich auf dem langen Khumbu-Gletscher gut verteilen.
Unsere Zelte stehen etwas abgelegen in einer sehr ruhigen Gletschermulde, mit einem perfekten Blick auf den Nordwestgrat des Nuptse und den großen Eisbruch. Unser Basislager (die Küche und das Mannschaftszelt) teilen wir mit 4 weiteren Bergsteigern, darunter Rolf Eberhard und Richie Stihler aus Deutschland, die am Lhotse und Mt. Everest unterwegs sind.

     

Die für Umweltschutzbelange zuständige Behörde SPCC (Sagarmatha Pollution Control Commité) hat neue Regeln aufgestellt, – was uns gut gefällt. Neben dem Toilettengang, der schon seit 1996 in eine Plastiktonne verrichtet werden muss, der Mülltrennung und überwachten Retourgabe von Gaskartuschen, Batterien, Sauerstoffflaschen, etc., darf nun auch kein hochprozentiger Alkohol mehr verkauft und getrunken werden. Zudem dürfen keine großknochigen Fleischstücke mehr hier hoch transportiert werden.

Wir sind nicht schnurstracks hierher gekommen. Die letzte Woche verbrachten wir am 6000er Lobuje East beim Fotografieren für unsere Partnerfirmen Lowa, Deuter, Schöffel und Komperdell. Gleichzeitig konnten wir uns ideal vorakklimatisieren.

Aber zunächst von vorne.
Von Namche Bazar aus wanderten wir in der uns sehr vertrauten, wunderschönen Kulturlandschaft der Sherpas hinauf bis Lobuche 4900 m und von dort eine halbe Stunde weiter, wo wir zwischen großen Felsblöcken auf einer noch braunen Wiese unser Lager aufbauten.

   

Ralf hat es mit einer Erkältung ziemlich stark erwischt, so dass wir noch einen Tag zuwarten wollten, bevor wir in größere Höhen aufstiegen.
Bei erst noch durchwachsenem Wetter (nachmittags schneit es immer noch meistens) verbrachten wir 2 Nächte auf ca. 5600 m und stiegen dann mit unserer gesamten Biwakausrüstung weiter bis zur Ostschulter des Lobuche East auf ziemlich genau 6000 Meter auf.
Obwohl dieser Punkt mittlerweile häufiger für eine gute Vorakklimatisation bestiegen wird, waren wir an diesem Nachmittag völlig alleine oben. Wir stellten unsere kleinen Zelte auf und richteten uns für die Nacht ein.

      
Stundenlang konnten wir uns kaum satt sehen an diesem einzigartigen Bergpanorama. Wir haben alle drei schon viel gesehen. Was sich an diesem Abend aber im aller schönsten gelb-orangenem Licht über einer geschlossenen tiefliegenden Wolkendecke darbot, ist kaum zu übertreffen. Wir waren umzingelt von Mt. Everest, Lhotse, Nuptse, Makalu, Baruntse und Ama Dablam und vielen anderen Bergen im Osten und Süden. Einmal mehr beeindruckte uns die Nordwand des Taboche und Cholatse. Den wunderschönen aber sehr Eisschlag gefährlichen Pumori hatten wir im Norden direkt vor unseren Nasen.
Ralf und David tobten sich mit Fotografieren und Filmen aus. Ich saß beim Zelteingang, schmolz Schnee und wir freuten uns sehr, hier oben zu sein.
Nach Sonnenuntergang sank die Temperatur rasch ab und um 19.30 Uhr lagen wir bereits in unseren warmen Schlafsäcken.

Am nächsten Morgen erreichte uns die Sonne um 6.30 Uhr. Der erste Blick – nach dem Öffnen des Reißverschlusses unseres Zeltes – fiel auf den Nuptse und Mt. Everest. Keinem Menschen wäre zu verdenken, würde er auch gerne hier her möchten. Die großartige Dimension unserer Natur, ihre  Einzigartigkeit und ihr Wert, wird uns hier, weit weg von jeglichem Komfort, jeglicher  Ablenkung, wieder stark bewusst. Wirklich begreifen oder erfassen lässt sie sich nicht, was auch gar nicht wichtig ist. Wir nehmen diese Momente einfach bewusst und voller Freude auf und schätzen es immer wieder, diesen Weg gehen zu dürfen.

      

Zu einem späten Frühstück trafen wir wieder bei unserem Lieblingskoch und langjährigem Freund Sitaram Rai im Lobuche Basislager ein. Nachmittags waren wir beschäftigt mit Trocknen und  Zusammenpacken unserer Ausrüstung, denn am nächsten Morgen brachen wir mit Yaks und 2 Yaktreiberinnen ins Nuptse-Everest- Lhotse Basislager auf. Die nächsten Tage werden wir hier im Basislager verbringen. Ralf muss noch seine Erkältung ganz auskurieren, unser Material möchten wir sortieren und am 22. April soll der am besten geeignete Tag für die Puja Zeremonie sein. Vor dieser Zeremonie würden wir ohnehin nicht durch den sehr gefährlichen Eisbruch steigen wollen.

Für heute verabschieden wir uns und senden euch ganz herzliche Grüße.

Bis bald – und wir wünschen euch einen schönen verbleibenden April.

Herzlichst!

Gerlinde


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