6. Bericht von der Everest Expedition 2010

Bühl – 08. Juni 2010

Liebe Freunde!

Entschuldigt bitte, dass wir uns nun so lange nicht gemeldet haben.

Seit dem letzten Newsletter hat sich einiges ereignet.

Am 19. Mai konnten wir endlich von unserem vorgeschobenen Basislager aufbrechen um den Gipfel zu versuchen. Bis zuletzt waren wir unsicher, ob wir den 23. oder 24 Mai anpeilen sollten. Charly hatte uns gesagt, dass es in diesem Jahr sehr schwierig sei, das Wetter korrekt vorherzusagen. Ein stark mäandernder Jet machte die Prognosen extrem schwierig.

So verabschiedeten wir uns also am 19. Mai von unserem Koch und stiegen zum Wandfuß auf 6200m auf. Die Nacht war windig aber dennoch gut erträglich, so dass wir sehr früh am nächsten Morgen über die sehr spaltenreiche und eisschlaggefährliche Odell Route zum Nordcol auf ca. 7200m weiterstiegen. An diesem Tag schien uns der Sturm beinahe zu wegzublasen, sogar an den weniger steilen Passagen sicherten wir uns gegenseitig, da uns der starke Wind immer wieder versetzte. Während ich diese Zeilen schreibe, jetzt in der Wärme bei Windstille, kommt es mir beinahe unwirklich vor.

Am Nordcol verbrachten wir unvorhergesehen 2 Nächte. Wir hatten mit Charly Rücksprache gehalten, er riet uns, doch besser zu warten, weil in den nächsten Tagen zum Teil noch enorme Windgeschwindigkeiten zu erwarten seien, die uns einen Aufstieg ohne Sauerstoff sehr erschweren, wenn nicht unmöglich machen würden. Der Tag am Nordsattel hatte Ralf und mir gut getan, vom Vortag waren wir doch ziemlich ausgekühlt und konnten nur knapp die notwendige Menge Flüssigkeit zu uns nehmen.

Früh am Morgen des 22. Mai packten wir unsere Ausrüstung zusammen und stiegen bei schönem, relativ windarmen Wetter bis 7600m auf, zu fast genau dem Platz an dem wir bei unserer Akklimatisation das Zelt aufgebaut hatten. Die Nachmittags- und Abendstimmung war großartig, eine unendliche Fernsicht bis weit nach Tibet hinein. Dass sind die Momente, in denen ich genau spüre, warum ich so gerne an den hohen Bergen unterwegs bin.

Ich schaufelte aus dem Schnee eine Zeltplattform, die sich später, nachts, als eher uneben erwiesen hatte. Ralf tat kein Auge zu, aber auch deswegen, weil ihn starker Hustenreiz plagte.

Parallel zu vielen anderen Bergsteigern stiegen wir am 23. Mai weiter auf bis ca.8300m, wo üblicherweise das Lager 3 aufgebaut wird. Inzwischen hatte es wieder zugezogen und leicht zu schneien begonnen. Ralf und ich platzierten unser Zelt ganz rechts außen, wieder schaufelten wir eine Plattform im Schnee, diesmal etwas sorgfältiger, in der Hoffnung eine gute halbe Nacht dort zu verbringen.

Die Kocher (wir hatten diesmal 2 dabei) liefen auf Hochtouren, und schon bald hatten wir jeder 3 Liter Flüssigkeit getrunken. Zu dieser Zeit plagte Ralf jedoch schon wieder starke Schleimbildung im Hals und Hustenreiz. Um 19.00 Uhr lagen wir in unseren Schlafsäcken, in der Ferne nahmen wir ein Gewitter wahr. Es begann stärker zu schneien. Ich versuchte mich so gut es ging zu entspannen, wollte mich nur auf den bevorstehenden Aufstieg konzentrieren. Ich merkte, dass Ralf keine Ruhe fand, immer wieder musste er sich aufsetzen, das Bemühen um ein Abhusten des Schleims hatte ihn voll im Griff.

Um 1.30 Uhr starteten wir wieder die Kocher, wir hatten ja geplant, um 3.00 Uhr zu aufzubrechen. Am Abend schon hatten wir alles vorbereitet, wir brauchten nur noch zu frühstücken. Babybrei und die Butterkekse – zwar zum Teil schon zerbröselt – in einem Sackerl griffbereit neben mir. Wir tranken beide einen großen Becher Milchkaffee mit Honig und Apfelsaft (ich hatte Konzentrat mit dabei) aßen Babybrei und Butterkeks, füllten die Flaschen auf und losgehen sollte es. Ralf aber war von den letzten beiden Nächten, in denen er kaum geschlafen hatte, völlig übermüdet. Während dem Frühstück schlief er im Sitzen immer wieder kurz ein. Als ihm bereits ein zweites Mal die Tasse mit Inhalt aus der Hand fiel sagte er mir: Gerlinde ich kann nicht mit dir gehen, ich bin zu müde. Wenn mir dieser Sekundenschlaf unterwegs Richtung Gipfel passiert… Es wäre zu riskant. Du musst ohne mich starten.

Ja, da hatte er vollkommen Recht, es wäre zu gefährlich. Nun wollte ich mich einen Moment lang neu „ordnen“. Ohne Ralf… es war doch vor allem auch sein großer Wunsch, den Everest ohne künstlichen Sauerstoff zu besteigen und jetzt sollte ich ohne ihn los. Wir vereinbarten, dass er inzwischen bis zum Nordcol absteigen und dort auf mich warten würde.

Mittlerweile war es 3.40 Uhr, ich zog meine Schuhe und Steigeisen an, ging noch einmal kurz durch, ob ich auch alles Wichtige mit dabei habe, verabschiedete mich von Ralf und verließ mit ein wenig Wehmut das Zelt. Die Uhr zeigte 3.55 Uhr. Noch war es stockdunkel und es schneite beachtlich. Zum Glück hatte ich mir am Vortag beim Aufstieg schon genau eingeprägt wo es hinauf geht zum Nordgrat, darüber war ich jetzt im Finsteren froh, obwohl mir die Orientierung trotzdem schwer fiel. Ab und zu konnte ich im Lichtkegel meiner Stirnlampe Ansätze von Spuren erkennen. Die Bergsteiger vor mir müssen schon eine Weile früher gestartet sein.

Bis zur Dämmerung konzentrierte ich mich nur auf die Wegfindung, nahm um mich herum nichts anderes wahr. Oben am Grat auf ca. 8500m wurde es hell – nur sehen konnte ich trotzdem nicht viel, es schneite immer noch.

Am „First Step“ traf ich auf die beiden Italiener Abele und Marco, die auch ohne künstlichen Sauerstoff und ohne Sherpas unterwegs waren, später, nach dem „Second Step“ dann auf Michelle und Silvio Mondinelli (ein langjähriger Freund von uns). Ehrlich, ich freute mich sehr sie zu treffen. Von diesem Zeitpunkt an stiegen wir gemeinsam weiter auf. Inzwischen kamen uns die Leute mit Sauerstoff im Abstieg entgegen. Einige davon waren bereits um neun Uhr abends aufgebrochen, die meisten anderen um 23.00 Uhr.

Nach dem „Third Step“ schien der Gipfel schon sehr nahe, was sich aber als kleiner Irrtum entpuppte. Von dort hatten wir etwa noch 2 Stunden bis zum höchsten Punkt.

Und dann um 12.30 Uhr die letzten Schritte zum allerhöchsten Punkt der Erde. Ein Moment, den ich kaum in Worte fassen kann. Ich machte mir selber keine Vorstellung, dass dieser Augenblick ein so erhebendes Gefühl in mir auslösen würde. Träumte ich doch immer nur von der Nordwand und nicht vom Gipfel als Solcher….

Es war vollkommen still, es schneite ruhig vor sich hin, nur leichter Wind war zu spüren. In Gedanken bedankte ich mich bei allen mir wichtigen Menschen die mir Nahe stehen. Bei Ralf, meiner Familie und Freunden, bei allen Leuten die uns die Daumen gedrückt haben, bei der Göttin Mutter Erde und bei unserer Schöpfung…

Die vier Italiener und ich waren zu diesem Zeitpunkt die einzigen am Gipfel, wir hatten keinen Ausblick, dafür war es durch den Schneefall von der Temperatur her erträglich. Mein Befinden war gut, ich überprüfte meine Hirnleistung indem ich mir 3 Rechenaufgaben stellte, es funktionierte alles ganz gut 😉 Mein Blick wanderte Richtung Nordwand, weit sah ich ja nicht, und dachte mir nur, wie froh ich bin, nicht eingestiegen zu sein, denn es wäre sich bei diesen Wetterbedingungen ohnehin nie ausgegangen. Wir blieben genau 35 Minuten am Gipfel. Bevor wir abstiegen packte ich noch zwei kleine Steine ein, trank ein paar Schlucke und steckte mir noch getrocknete Ananas in den Mund. Wir beschlossen auch im Abstieg beisammen zu bleiben.

Auf ca. 8600m riss es plötzlich auf, der Schneefall liess nach, dafür kam jetzt starker Sturm auf sodass die Kälte teilweise schwer erträglich wurde. Der nun großartige Ausblick übertraf jedoch alles. Weiter unten auf 8300m entdeckte ich, dass dort noch unser kleines Zelt steht… wartete Ralf auf mich, oder hatte er mir zur Sicherheit nur das Zelt stehen lassen?

Ca. 50 Höhenmeter vor unserem Zelt sah ich auf einmal Ralf auf mich zukommen. Er hatte auf mich gewartet!!!! Meine Freude kann ich nur schwer ausdrücken. Das war nun ein weiterer „Gipfel“ für mich. Schon nachts hatte ich Ralf bewundert, dass er seine Grenzen immer so genau erkennt und dann ohne wenn und aber eine vernünftige Entscheidung trifft. Aber dass er jetzt auch noch den ganzen Tag hier oben auf 8300m ausgeharrt hat und sich jetzt wirklich mit mir freuen kann… dafür danke ich ihm sehr.

Ralf rief gleich Charly Gabl in Innsbruck an, der den ganzen Tag mitfieberte und sich Sorgen machte. Kurz wärmte ich mich im Zeltinneren auf, Ralf hatte einen heißen Apfelsaft zubereitet, dann packten wir unser Zelt zusammen und stiegen weiter ab. Um 1.00 Uhr früh erreichten wir vollkommen müde und gleichzeitig erleichtert und überglücklich das vorgeschobene Basislager an der Nordseite. Unser Koch Sitaram versorgte uns noch mit einer Suppe und auch Nudeln hätte es noch gegeben, da war ich jedoch schon in Tiefschlaf verfallen.

Am 27. Mai kamen wir wieder gut und gesund in Kathmandu an. Nur war ich unendlich müde, bisher hatten wir noch keine Zeit für Erholung. Die Yaks standen schon bereit als wir ins Basislager zurück kamen (versehentlich einen Tag zu früh). Bei der Verabschiedung vom Everest, zeigte er sich von seiner abweisendsten Seite überhaupt. Ein starker Schneesturm begleitete uns den ganzen Tag….

Mittlerweile sind wir zurück in Deutschland. Im Moment genießen wir die Wärme und das saftige Grün zu Hause.

Nun möchte ich mich ganz herzlich bei allen Menschen bedanken, die uns die Daumen gedrückt haben, danke für die vielen positiven Zuschriften in den letzten 2 Monaten! Danke an Dr. Charly Gabl der uns die gesamte Expeditionszeit über begleitet hat, sogar die Nächte vor dem Gipfelgang immer für uns da war!!!

Vielen Dank unserem Team im Büro Kathrin Furtner und Nicola Roth! Und ebenfalls ein großes DANKE an meine Partner und Sponsoren OMV, BANNER, VKB-Bank, SCHÖFFEL, LOWA, ÖKOfen, Adidas EYEWEAR, Deuter, Komperdell, Naturfreunde Österreich und Petzl!

Ich wünsche euch allen einen schönen, hoffentlich sonnigen Sommer!

Sehr herzliche Grüße und nochmals vielen DANK!

Gerlinde mit Ralf


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Gipfelmeldung vom Mt. Everest!

24. Mai 2010

Liebe Freunde,

In der Nacht hatte Ralf entschieden nicht mit zum Gipfel zu starten – eine Erkältung lies für ihn leider keinen Versuch zu. Er wird im letzten Lager auf ca. 8300 m auf Gerlinde warten.

Gerlinde startete wie geplant und konnte heute um ca. 12.30 Uhr nepalesischer Zeit den Gipfel des Everest ohne Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff erreichen! Um ca. 14:00 Uhr MESZ dann der  erlösende Anruf: Sie ist wohlbehalten zurück im letzten Lager und beide möchten nach kurzer Rast und etwas Aufwärmen noch so weit als möglich weiter absteigen.

Gerlinde, Herzlichen Glückwunsch!!! Kommt gesund zurück ins Basislager!

Das Team um Gerlinde & Ralf

Gerlinde Kaltenbrunner am Gipfel des Mt. Everest

Update 26.05.2010

Gerlinde & Ralf sind in der Nacht von Montag auf Dienstag um 01:00 Uhr noch im nordseitigen Basislager angekommen, und gestern Abend in ihr Nordwand-Basislager zurückgekehrt. Dort standen bereits die Yaks bereit (1 Tag zu früh) – und so wurde das Basislager eiligst zusammengepackt. Jetzt befinden sie sich auf dem Weg ins Chinese Basislager und hoffen heute noch per Jeep weiter nach Nyalam zu gelangen.


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Newsmeldung von der Everest Expedition 2010

20. Mai 2010

Am Mittwoch 19. Mai sind Gerlinde & Ralf von ihrem Basislager aufgebrochen um ein Wetterfenster, welches sich um den 23. und 24. Mai zeigt, für den Aufstieg zum Gipfel zu nutzen. Heute sind die beiden nun wie angekündigt auf der Odellroute zum Nordsattel auf ca. 7200 m aufgestiegen. Hier werden sie aller Voraussicht nach auch den morgigen Tag verbringen, da die Wetterprognose für den Montag als möglichen Gipfeltag geringere Windgeschwindigkeiten als am Sonntag verspricht.

Es wird spannend  –  drücken Sie fest die Daumen!

Mit herzlichen Grüßen

Das Team rund um Gerlinde und Ralf


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5. Bericht aus dem Everest BC

Heute hat uns folgender Bericht von Ralf erreicht. Herzliche Grüße aus dem Büro von Gerlinde Kaltenbrunner!

17. Mai 2010

Liebe Freunde,

14 Tage sind seit unserem letzten newsletter vergangen. 14 Tage mit schlechtem bis sehr schlechtem Wetter. In einem seiner Wetterinfos hatte uns Charly Gabl – Freund und Meteorologe mit Kultstatus – zum Beispiel am 11. Mai geschrieben: Wind on Top: MI: W 140 km/h, DO: W 135 km/h, FR: WSW 110 km/h. Auch hier in unserem Basislager hatte es uns ordentlich geschüttelt: zwei Mal wäre bei schweren Sturmböen fast das Küchenzelt weggeflogen. Im ABC am tibetischen Normalweg hat es zahlreiche Zelte zerstört, ganze Messzelte samt schweren Solaranlagen flogen durch die Lüfte.

Gestern und vorgestern nun waren endlich wieder brauchbare Tage und so sind Gerlinde und ich nochmals an den Fuß der Everest-Nordwand gegangen: zum einen um die Akklimatisation aufzufrischen, zum anderen aber auch um die Eisverhältnisse in der Nordwand nach den Schlechtwettertagen zu testen.

Schon im Zustieg verschwand Gerlinde beim Vorausgehen zweimal in zugewehte Gletscherspalten. Die Neuschneeauflage von durchschnittlich 10 – 15 Zentimeter war stellenweise so stark verblasen, dass selbst größere Spalten nicht mehr zu erkennen waren.

Trotzdem konnten wir nach 5 Stunden unser kleines Depot auf dem Gletscherplateau unter der Nordwand erreichen. Auch bei den Temperaturen sollte Charly wie immer recht behalten: in seinem Mail vom 14. Mai hatte er geschrieben: Allerdings sind im Gipfelbereich für den Samstag (also vorgestern, 15.Mai) noch -35 °C lt. Modell zu erwarten. Das langfristige Modell, wie gut das auch stimmen mag,  zeigt für den 22.Mai ein Minimum von -29 °C mit der Tendenz noch steigend an.

Es war eine eisige Nacht; schon bei Sonnenuntergang hatte es -15°C. Umso froher waren wir als gestern morgen (16. Mai), die Sonne unser kleines Zelt erreichte. Ruckzuck hatten wir gefrühstückt, die Rucksäcke gepackt und waren auf dem Weg zum Einstieg der Nordwand. Ein völlig veränderter Bergschrund erwartete uns: wo sich das letzte Mal noch ein 40 Meter tiefer Abgrund aufgetan hatte war dieses Mal eine geschlossene Schneebrücke mit einem 30 Zentimeter breiten Einriss. Die einzige Möglichkeit das senkrechte Eis zu erreichen. Die Verhältnisse waren besser und sicherer als das letzte Mal – ein 20 Qubikmeter großer Eisserac war herunter gebrochen und bedrohte den Aufstieg nicht mehr.

Vier Eisschrauben später stand ich an der Oberkante des Eisabbruchs. Was dann kam war ziemlich spannend: Die beiden Eisgeräte in unsicherer Schneeauflage oberhalb der Kante gesetzt, stürzte wie aus heiterem Himmel eine minutenlange Spindriftlawine (siehe Bild) auf mich nieder. Es fehlte die Luft, die um die Griffe der Eisgeräte gespannten Hände wurden allmählich lahm und die Füße – noch im senkrechten Eis – waren nicht mehr zu sehen und zu spüren. Endlich ließ der Spindrift nach und ich konnte mich über die Kante in etwas flacheres Gelände retten. Kaum hatte ich eine Eisschraube gedreht kam die nächste Ladung Spindrift. Gerlinde bereits im Nachstieg. Prost! Als sie über die Kante und an den Stand kam sah sie aus wie ein Schneemann.

Wir stiegen noch ein paar Seillängen weiter und seilten dann an Abalachow-Eissanduhren ab.

Am Abend zurück im Basislager dann das entscheidende Gespräch: Gerlinde würde gerne bei der nächsten Schönwetterphase mit den aktuellen Verhältnissen den Durchstieg durch die Wand wagen wollen. Mir geht es ganz anders: Die Schneebedeckung der letzten Schlechtwetterperiode hat sich wegen der tiefen Temperaturen nur an wenigen Stellen mit dem darunter liegenden blauen Blankeis verbunden. D.h. wir würden uns an vielen Stellen gegenseitig sichern müssen, was sehr viel zusätzliche Zeit in Anspruch nehmen würde. Damit wäre abzusehen, dass wir öfter als die beiden vorgesehenen Male in der Wand biwakieren müssten. Weitere brauchbare Biwakplätze sind keine vorhanden, aus dem Eis welche herauszuhacken braucht Stunden und sehr viel Kraft und an die nötige Erholung wäre auf solchen Miniplätzen nicht zu denken. Eine Schönwetterperiode von mehr als drei Tagen zu erwischen wäre zudem äußerst ungewiss. Selbst schwacher Wind führte dazu, dass der locker aufliegende Schnee im Japaner-Couloir als große Mengen Spindrift herunterkämen, – was das Vorwärtskommen wiederum gefährlicher und langsamer machen würde.

Für mich kommt der Wanddurchstieg nicht in Frage und so habe ich Gerlinde gebeten mit mir über die Odellroute auf 7200m auf den N- bzw. NO-Grat auszuweichen. Diesen bis zum Gipfel ohne Zusatz-Sauerstoff zu erreichen ist immer noch Herausforderung genug. Die Wahrscheinlichkeit gesund im Basislager anzukommen ist dabei deutlich größer.

Ich muss einsehen, dass ich nicht mehr so wagemutig bin wie in jungen Jahren. Vielleicht sehe ich mit jahrzehntelanger Erfahrung aber auch die Risiken und Gefahren zu sehr im Vordergrund. Vielleicht habe ich in den langen Jahren des Unterwegs-Seins auch zu viele tödliche Unfälle an den höchsten Bergen gesehen. Vielleicht ist es auch alles zusammen genommen, was mir einen Durchstieg nicht erlaubt.

Auf jeden Fall wird Gerlinde auf die Wand, auf die wir uns so lange vorbereitet haben, mir und meiner Intuition zu Liebe verzichten.

Charly sagt für die Tage nach dem 22. Mai ein paar windschwächere Tage voraus. Vielleicht ist unsere Zeit für einen Gipfelaufstieg dann doch gekommen.

Mit einem herzlichen Gruß aus unserem einsamen Basislager,

Ralf Dujmovits


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