Nuptse Ostgrat Expedition 2012 – 4. Bericht

Montag, 7. Mai 2012

Das Team         Nuptse 7861 m


Liebe Freunde,

am frühen Morgen des 4. Mai fällt es mir nicht leicht, bei eisigen Temperaturen  aus dem einigermaßen warmen Schlafsack zu schlüpfen. Die Blase drückt, und der Kocher soll gestartet werden. David und ich möchten ja heute zum Einstieg des Nuptse Nordpfeiler aufsteigen.

Noch bietet der Daunenanzug Schutz vor der Kälte, in wenigen Stunden sollte er uns jedoch ziemlich zu schaffen machen. Zuerst stiegen wir den flachen Korridor bis fast zur Lhotse Flanke auf, danach bogen wir rechts ab unter die Nuptse Nordwand. Auf einer waagrechten Terrasse unter hängenden Eisseracs versuchten wir mit unseren schweren Rucksäcken bei mittlerweile großer Hitze so schnell als möglich durch zu kommen. Kurz vor Beginn des Pfeilers stiegen wir eine etwas steilere, spaltenreiche Schneerinne auf, bis wir im Schutze eines Felsausläufers des Nordpfeilers auf 6900 m eine kleine Plattform für unser Minizelt aus dem Eis hackten.

        

Von hier aus hatten wir eine ideale Ausgangsposition für die kommende Nacht.
Der Abend zeigte sich wie so oft von seiner allerschönsten Seite. Dieser erreichte mit dem Aufgang des Vollmondes direkt östlich des Lhotse seinen Höhepunkt.

Zuversichtlich und sehr zufrieden lagen wir bereits um 19.00 Uhr in unseren Schlafsäcken. Mit dem Rücken an die Felswand gedrückt, schlief ich bald ein. Schnell und tief schlafen!!! Denn um Mitternacht surrte bereits schon wieder der Kocher fürs „Frühstück“. Hunger und Durst verspürte ich keinen, aber das kenne ich um diese Zeit. Wir brauchten Energie für den bevorstehenden Aufstieg. Der Blick nach draußen versprach jedoch nichts Gutes. Um 3.00 Uhr früh standen wir angezogen in voller Montur vorm Zelt. Es schneite ganz leise, ruhig und beständig dahin. Das durfte doch nicht war sein. Es dauerte auch gar nicht lange bis „Spindrifts“ die steile Nuptse Nordwand herunter sausten. Nun war klar, nicht hinauf, sondern so rasch als möglich abwärts. Würden wir hier länger zuwarten, würden wir in einer Mausefalle sitzen. Zu Beginn konnten wir noch wage unsere Spur des Vortages erkennen, aber schon bald mussten wir bei kaum 5 Meter Sicht, das GPS zu Hilfe nehmen, um überhaupt wieder ins Lager II zu finden. Sherpas, die beabsichtigten, in der Lhotse Flanke aufzusteigen, standen plötzlich vor uns und hofften, unseren Spuren folgen zu können. Sie hatten sich im dichten Nebel verlaufen.
David und ich deponierten unsere gesamte Ausrüstung im Lager II und stiegen, wieder so rasch als möglich, durch den Eisbruch ab ins Basislager.

Dankbar über die gesunde Rückkehr und hungrig, saßen wir um 8.00 Uhr mit Ralf beim Frühstück.

Mittlerweile geht es ihm Gott sei Dank wieder besser, dennoch wird er uns bei einem zweiten Versuch ebenfalls nicht begleiten sondern eher versuchen zur besseren Akklimatisation den Südsattel am Everest auf knapp 8000 m zu erreichen.

Im heurigen Jahr ist alles ein wenig verdreht. Wir werden sehen, wie sich das Wetter entwickelt.

Für heute viele liebe Grüße und schöne sonnige Tage wünsche ich euch.

Herzlichst,
Gerlinde

weitere Informationen finden Sie auf Ralf’s Seite: www.ralf-dujmovits.de


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Nuptse Ostgrat Expedition 2012 – 3. Bericht

Dienstag, 01. Mai 2012

Das Team         Nuptse 7861 m

Liebe Freunde,

unser zweiter Akklimatisations-Aufstieg liegt schon wieder 2 Tage hinter uns. Viele Stunden voller landschaftlicher Schönheit im Hochtal Western-Cwm und der Westflanke des Lhotse, in der wir auf 7100 m eine einsame Nacht zu dritt in unserem kleinen Hochlagerzelt verbracht haben. Aber auch einige Stunden, die uns ziemliche Sorgen bereitet haben: nach einem sehr trockenen Winter im Everest-Gebiet sind die Flanken von Nuptse, Lhotse und Everest völlig ausgeapert und trocken. Blankeis und Steinschlag waren unsere ständigen Begleiter. Zudem ist der mächtige Eisbruch oberhalb des Basislagers in einem beängstigenden Zustand. An einigen Stellen, vor allem zum Ende des 700 m hohen Eis-Trümmerhaufens, hängen von der Westschulter des Everest haushohe Eisblöcke absturzbereit über der Aufstiegsroute. Insgesamt sind wir froh mit der Vorakklimatisation am Lobuje East (siehe 2. Newsletter) zumindest einmal weniger durch den Eisbruch steigen zu müssen, um an die Flanken des Nuptse und Lhotse zu gelangen.

Am 22. April fand am idealen Tag – entsprechend dem Sherpa-Kalender der Tag der Mondwende – die traditionelle Puja statt. Sehr schön und respektvoll gestaltet von unserem Küchenteam und einem Mönch, der in einer parallel agierenden Expedition als Hochträger arbeitet. Die Besteigung kann beginnen.

    

Da der Wind in der Höhe aber zunächst noch sehr stark war, wollten wir mit dem ersten Aufstieg vom Basislager noch einen Tag zuwarten. Am 24. April war es dann endlich so weit – um kurz nach 5:00 Uhr starteten wir zum 1. Mal durch den Eisfall. Zuerst ging es moderat und wenig zerrissen nach oben. Erst in der zweiten Hälfte des Aufstiegs realisierten wir, was dieses Jahr an Gefahrenpotenzial zu akzeptieren ist. Angespannt und so schnell als möglich stieg jeder für sich entlang der von den Eisfall-Doctors abgesicherten Route auf.

    

David, Ralf und ich waren froh als wir den sicheren Bereich von Lager I auf knapp 6100 m erreicht hatten. Nach einer Pause stiegen wir das flache Hochtal des Western Cwm weiter hinauf – eingerahmt von den steilen Nordwänden des Nuptse, der Westflanke des Lhotse und der gewaltigen Südwand des Everest. Auf 6400 m standen schon viele Zelte der großen, kommerziellen Everest-Expeditionen. Am oberen Ende der Lagermöglichkeiten bauten wir unsere beiden kleinen Biwakzelte auf.

    

Den folgenden Tag liesen wir sehr gemütlich verrinnen: viel trinken, spätes Frühstück, nette Gespräche mit Kollegen, die wir schon lange kennen. Der Argentinier Damian Benegas ist gerade nebenan. Er hat vor einigen Jahren mit seinem Bruder Willie eine schöne, sehr steile Linie am Nuptse erstbegangen.

Am 26. April stiegen wir zum Bergschrund unserer geplanten Aufstiegsroute durch die Nordflanke des Nuptse zu seinem Ostgrat auf. Leider bestätigte sich unsere Vermutung, dass die Route sehr trocken, ausgeapert und dadurch enorm steinschlägig ist. Große Steine liegen direkt am Wandfuß. Schnell waren wir uns einig, dass diese Route zum Erreichen des Ostgrats nicht in Frage kommen würde: zu gefährlich.

    

Wir hatten gesehen, was uns wichtig war und kehrten zum Lager II zurück, wo wir bei wunderschönem Wetter einen traumhaften Spätnachmittag verbrachten.

    

Der 27. April begann windig – wir wollten nach Lager III aufsteigen. Schon auf dem Weg zum Bergschrund unter der Lhotse-Flanke merkte Ralf – wie auch die letzten Tage schon – dass er mit stark angezogener Handbremse unterwegs war. Er wollte schneller aufsteigen, jedoch kam einfach keine Energie. Ralf kam spät nach uns am Biwakplatz auf 7100 m an. David und ich errichteten in fast 2 stündiger Arbeit eine Plattform unter einen Eiswand um dort Schutz vor Steinschlag zu haben und bereiteten Flüssigkeit für Ralf und uns vor. Seine Erkältung vom Lobuje ist leider noch nicht richtig auskuriert. Wir waren die einzigen, die in dieser Nacht in der Lhotse-Flanke, übernachteten. Für uns drei eine zwar anstrengende, dafür ideale Akklimatisationsnacht.

    

Auch der 28. April begann wieder sehr windig – vor allem erreichte uns die Sonne erst sehr spät. Aber wir hatten es nicht eilig und so packten wir die Rucksäcke erst am frühen Nachmittag für den Abstieg. Unser erstes großes Zwischenziel, eine Nacht auf über 7000m war erreicht und um 14:40 Uhr begannen mit dem Abstieg. Etwas müde und sehr zufrieden erreichten wir pünktlich zum Abendessen das Basislager – Sitaram hatte zum Abschluss dieses langen Tages ein wunderbares Essen gezaubert.

      

Lange schliefen wir aus am nächsten Vormittag – aber schon kurz nach dem Frühstück war klar, dass Ralf unserer befreundeten spanische Ärztin Monica ( Expeditionsärztin von Russel Price) einen Besuch abstatten sollte. Es fehlte ihm einfach Energie und Schubkraft – was er gerne abklären wollte. Monica stellte eine Nasennebenhöhlenentzündung fest. 7 Tage Pause und Breitband-Antibiotika-Einnahme sind unbedingt notwendig.
Ralf muss sich nun erst mal auskurieren und hat David und mich gebeten, bei nächstbester Gelegenheit alleine zum Nuptse aufzubrechen. Momentan, meint er, würde er eine echte Gefahr für uns und sich selbst bedeuten.
Sehr gerne wäre ich vor allem auch mit Ralf am Nuptse unterwegs gewesen, aber die Gesundheit geht wie immer vor.

David und ich werden nun versuchen, über den Steinschlag-sicheren, wunderschönen Nordpfeiler des Nuptse – die sogenannte Scott Route – hinaufzuklettern.

  

Wenn wir wieder zurück sind, melde ich wieder bei euch.
Bis dahin einen ganz herzlichen Gruß und bitte in den nächsten Tagen Daumen drücken 🙂

Herzlichst
Gerlinde


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Coverstory im National Geographic Magazin

>> Am 27. April erscheint das Mai-Heft mit
ausführlichem Bericht der K2 Expedition 2011<<



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Nuptse Ostgrat Expedition 2012 – 2. Bericht

Freitag, 20. April 2012

Das Team         Nuptse 7861 m

Liebe Freunde,

Vorgestern Nachmittag erreichten wir das Basislager des Mt. Everest, Lhotse und Nuptse, auf ca. 5300 m gelegen.
Dieses Mal empfinden wir die Atmosphäre hier als sehr angenehm. Bis jetzt sind im Vergleich zu 2009 (unserer Lhotse Expedition), deutlich weniger Leute anwesend, die sich auf dem langen Khumbu-Gletscher gut verteilen.
Unsere Zelte stehen etwas abgelegen in einer sehr ruhigen Gletschermulde, mit einem perfekten Blick auf den Nordwestgrat des Nuptse und den großen Eisbruch. Unser Basislager (die Küche und das Mannschaftszelt) teilen wir mit 4 weiteren Bergsteigern, darunter Rolf Eberhard und Richie Stihler aus Deutschland, die am Lhotse und Mt. Everest unterwegs sind.

     

Die für Umweltschutzbelange zuständige Behörde SPCC (Sagarmatha Pollution Control Commité) hat neue Regeln aufgestellt, – was uns gut gefällt. Neben dem Toilettengang, der schon seit 1996 in eine Plastiktonne verrichtet werden muss, der Mülltrennung und überwachten Retourgabe von Gaskartuschen, Batterien, Sauerstoffflaschen, etc., darf nun auch kein hochprozentiger Alkohol mehr verkauft und getrunken werden. Zudem dürfen keine großknochigen Fleischstücke mehr hier hoch transportiert werden.

Wir sind nicht schnurstracks hierher gekommen. Die letzte Woche verbrachten wir am 6000er Lobuje East beim Fotografieren für unsere Partnerfirmen Lowa, Deuter, Schöffel und Komperdell. Gleichzeitig konnten wir uns ideal vorakklimatisieren.

Aber zunächst von vorne.
Von Namche Bazar aus wanderten wir in der uns sehr vertrauten, wunderschönen Kulturlandschaft der Sherpas hinauf bis Lobuche 4900 m und von dort eine halbe Stunde weiter, wo wir zwischen großen Felsblöcken auf einer noch braunen Wiese unser Lager aufbauten.

   

Ralf hat es mit einer Erkältung ziemlich stark erwischt, so dass wir noch einen Tag zuwarten wollten, bevor wir in größere Höhen aufstiegen.
Bei erst noch durchwachsenem Wetter (nachmittags schneit es immer noch meistens) verbrachten wir 2 Nächte auf ca. 5600 m und stiegen dann mit unserer gesamten Biwakausrüstung weiter bis zur Ostschulter des Lobuche East auf ziemlich genau 6000 Meter auf.
Obwohl dieser Punkt mittlerweile häufiger für eine gute Vorakklimatisation bestiegen wird, waren wir an diesem Nachmittag völlig alleine oben. Wir stellten unsere kleinen Zelte auf und richteten uns für die Nacht ein.

      
Stundenlang konnten wir uns kaum satt sehen an diesem einzigartigen Bergpanorama. Wir haben alle drei schon viel gesehen. Was sich an diesem Abend aber im aller schönsten gelb-orangenem Licht über einer geschlossenen tiefliegenden Wolkendecke darbot, ist kaum zu übertreffen. Wir waren umzingelt von Mt. Everest, Lhotse, Nuptse, Makalu, Baruntse und Ama Dablam und vielen anderen Bergen im Osten und Süden. Einmal mehr beeindruckte uns die Nordwand des Taboche und Cholatse. Den wunderschönen aber sehr Eisschlag gefährlichen Pumori hatten wir im Norden direkt vor unseren Nasen.
Ralf und David tobten sich mit Fotografieren und Filmen aus. Ich saß beim Zelteingang, schmolz Schnee und wir freuten uns sehr, hier oben zu sein.
Nach Sonnenuntergang sank die Temperatur rasch ab und um 19.30 Uhr lagen wir bereits in unseren warmen Schlafsäcken.

Am nächsten Morgen erreichte uns die Sonne um 6.30 Uhr. Der erste Blick – nach dem Öffnen des Reißverschlusses unseres Zeltes – fiel auf den Nuptse und Mt. Everest. Keinem Menschen wäre zu verdenken, würde er auch gerne hier her möchten. Die großartige Dimension unserer Natur, ihre  Einzigartigkeit und ihr Wert, wird uns hier, weit weg von jeglichem Komfort, jeglicher  Ablenkung, wieder stark bewusst. Wirklich begreifen oder erfassen lässt sie sich nicht, was auch gar nicht wichtig ist. Wir nehmen diese Momente einfach bewusst und voller Freude auf und schätzen es immer wieder, diesen Weg gehen zu dürfen.

      

Zu einem späten Frühstück trafen wir wieder bei unserem Lieblingskoch und langjährigem Freund Sitaram Rai im Lobuche Basislager ein. Nachmittags waren wir beschäftigt mit Trocknen und  Zusammenpacken unserer Ausrüstung, denn am nächsten Morgen brachen wir mit Yaks und 2 Yaktreiberinnen ins Nuptse-Everest- Lhotse Basislager auf. Die nächsten Tage werden wir hier im Basislager verbringen. Ralf muss noch seine Erkältung ganz auskurieren, unser Material möchten wir sortieren und am 22. April soll der am besten geeignete Tag für die Puja Zeremonie sein. Vor dieser Zeremonie würden wir ohnehin nicht durch den sehr gefährlichen Eisbruch steigen wollen.

Für heute verabschieden wir uns und senden euch ganz herzliche Grüße.

Bis bald – und wir wünschen euch einen schönen verbleibenden April.

Herzlichst!

Gerlinde


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