6. Bericht – Int. K2 North Pillar Expedition

 

12.08.2011

Liebe Freunde,

im Moment, während wir diese Zeilen schreiben, prasseln feuchte Schneeflocken auf unser Zelt im vorgeschobenen Basislager.
Dienstagabend sind wir nach acht sehr anstrengenden, äußerst eindrucksvollen Tagen am Berg wieder hierher zurück gekommen.

Nachdem wir uns Ende Juli im chinesischen Basislager gut erholt hatten, brachen wir am 2. August nach Lager I auf. Ein langer, zum Schluss sehr spaltenreicher Aufstieg, bei dem wir uns fragten, wie oft wir wohl noch über den unwegsamen Gletscher hinauf steigen werden. Gut, dass wir mit dem Aufbruch noch einen Tag zugewartet hatten. An diesem Tag gingen durch die intensive Sonneneinstrahlung unzählige Lawinen ab und der Schnee konnte sich gut setzen.

   

Früh am nächsten Morgen stiegen wir durch das uns mittlerweile sehr vertraute Einstiegscouloir aufwärts, knietief spurend über den Schneegrat zur Felsschulter und weiter sehr anstrengende Stunden bis zum Platz von Lager II,  an dem wir nach 11,5 Stunden ankamen. An einem großen Fels hatten wir unsere Zelte deponiert, die wir schnell ausgegraben und aufgestellt hatten. Um das Flüssigkeitsdefizit auszugleichen, schmolzen wir bis spät am Abend Schnee.

Um 5.00 Uhr früh am darauf folgenden Tag sangen wir etwas kurzatmig ein Geburtstagsständchen für Darek, der uns daraufhin ein Stück Kuchen!!! seiner Mutter überreichte. Wir packten unsere gesamte Ausrüstung zusammen und spurten mit schweren Rucksäcken bei fantastischem Wetter und ebensolcher Aussicht aufwärts bis zum Platz von Lager III, wo wieder der Zeltaufbau und danach Schneeschmelzen im Vordergrund stand. Es wurde uns ein wunderschöner, sehr eindrucksvoller Abend beschert, wie schon öfters während dieser Expedition. Wir besprachen die aktuelle Situation und Taktik für den nächsten Tag.

Maxut und Darek stiegen am nächsten Morgen ab nach L II um noch weitere Seile nachzubringen, während Vassiliy, Tommy und wir aufstiegen um Richtung Lager IV die Route zu finden und an den notwendigen Passagen Fixseile anzubringen. Unser Zeitlimit war 15.00 Uhr um nicht zu spät zu unseren Zelten auf 7300 m zurück zu kehren, da die Flüssigkeitsaufnahme und Erholung in großer Höhe immer aufwändiger wird. Wir waren mit unserem Weiterkommen an diesem Tag zufrieden. Am nächsten Morgen wollten wir aufsteigen, um eine Nacht im geplanten Lager IV zu übernachten. Wir warteten die ersten Sonnenstrahlen ab, die um kurz vor 6.00 Uhr auf unser Zelten schienen. Ein vielversprechender Tag stand uns bevor.

     

In unsere dicken Daunenanzüge eingepackt  (es war eiskalt an diesem Morgen) kletterten wir mit unseren voll bepackten Rucksäcken durch kombiniertes Gelände aufwärts. Tommy stieg ab ins Lager I, da er seinen Daunenanzug noch nicht mit dabei hatte. (Diesen möchte er erst beim Gipfelversuch mit hoch nehmen).
Im Laufe des Tages zog es völlig zu und es begann am späten Nachmittag stark zu schneien. Auf 7900 m ca. stießen wir auf ein schmales Felsband, auf das zum Glück unsere beiden Zelte ideal passten. Mittlerweile schneite es so heftig, – wir wären nicht mal mehr 100 Höhenmeter vom geplanten Lager IV entfernt gewesen. Brüchiges, felsdurchsetztes, steiles Gelände ließ es nicht zu, dass wir im „White out“ weiterstiegen. Noch waren wir sehr zuversichtlich, am nächsten Morgen unseren Plan fortsetzen zu können. Jedoch hielt der Schneefall die Nacht über und den ganzen nächsten Tag an. Immer wieder besprachen wir die Lage und telefonierten über Satelliten-Telefon mit Charly Gabl in Innsbruck, der uns für die zweite Nacht Ende der Schneefälle und Aufklaren voraussagte.

     

Wir schmolzen so viel Schnee als möglich, schliefen zwischendurch, schaufelten immer wieder unser kleines Zelt aus, sprachen über Gott und die Welt und hofften, das Charly recht behalten würde mit dem schönem Wetter für den nächsten Tag. Um 21.00 Uhr war dann endlich kein Rieseln der Schneeflocken mehr zu hören. Es klarte tatsächlich auf und die Temperatur sank unter minus 20 Grad.
Was sich unseren Augen am nächsten Morgen bot ist kaum in Worte zu fassen. Als wir den Reißverschluss unseres Zeltes öffneten, sahen wir einzelne Bergspitzen aus einer dichten Wolkendecke herausragen, ein Anblick den wir selbst nur ganz selten erleben dürfen. Wir waren auf fast 8000 m völlig über den Wolken. Mag es kitschig und abgenützt klingen, aber wieder einmal konnten und wollten wir nur DANKE sagen, das hier erleben zu dürfen. Sogar die sonst so hart wirkenden kasachischen Freunde und Darek waren einfach nur fasziniert von diesem Naturschauspiel.

Max, Vassily und ich brachen mit Fixseilen bepackt auf um im schneebedeckten Fels die Route weiter aufwärts zu finden und wo nötig abzusichern. Ralf und Darek bauten die Zelte ab, packten alles zusammen und stiegen mit dem Material nach. Wir erreichten einen kleinen, schneebedeckten Felsabsatz auf über 8000 m, an dem wir beim nächsten Aufstieg übernachten und von wo aus wir dann den Gipfel versuchen möchten. Ein idealer, unbeschreiblich eindrucksvoller Platz dieses „“Lager IV“. Von hier aus wirkt der Gipfel schon sehr nahe. Ca. 70 Höhenmeter stiegen wir noch weiter, um den Einstieg ins Japanercouloir zu erkunden. Danach seilten wir ab bis 6600 m, wo wir eine weitere Nacht verbrachten. Der Neuschnee reichte uns an manchen Stellen bis zur Hüfte (im flachen Gelände), an den steilen Passagen ging er mit der Sonne in Form von Lockerschneelawinen ab.

       

Am nächsten Morgen waren wir alle fünf froh, ins vorgeschobene Basislager absteigen zu können. Ausgehungert, sehr müde und vollkommen zufrieden trafen wir am nächsten Nachmittag in unserem Mannschaftszelt ein. Abdul und Tommy hatten sich bereits Sorgen gemacht und waren sehr erleichtert, dass wir nach acht Tagen gesund zurück waren.
Beim Abendessen blieb kein „Fuzerl“ auf den Tellern zurück, und schon um 20.00 Uhr war absolute Stille eingekehrt in unseren Zelten und in unserem kleinen Basislager.

Nun brauchen wir noch einige Tage Erholung und wie so oft hoffen wir, dann mit Glück ein Schönwetterfenster zu bekommen…
Wie auch immer alles kommen wird, diese Expedition ist in jedem Fall eine ganz große Bereicherung; keinen der bis jetzt erlebten Tage möchten wir missen.

Bitte habt noch ein wenig Geduld und haltet uns die Daumen, dass wir eine reale Chance für einen Gipfelversuch bekommen werden. Die nächsten Tage werden wir wie vorm letzten Aufstieg im chines. Basislager verbringen. Bevor wir wieder aufbrechen, melden wir uns noch einmal.

Bis dahin ganz herzliche Grüße und schöne, sonnige Sommertage wünschen wir Euch.

Gerlinde und Ralf


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Kurzmeldung vom 08.08.2011

Das K2 Team hat nach anstrengendem Aufstieg und Versicherungsarbeiten zwei Nächte auf knapp 8000m zugebracht. Dies wurde leider notwendig, da es am gestrigen Sonntag den ganzen Tag ergiebig schneite (ca. 30 cm). Heute versuchen sie Lager III zu erreichen und dann in ihr Basislager zurückzukehren, um dort einige Ruhetage verbringen. Den nächsten ausführlichen Newsletter erwarten wir Mitte der Woche.

Das Team um Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits


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5. Bericht – Int. K2 North Pillar Expedition

Virtueller Flug um den K2

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

01.08.2011

Liebe Freunde,

schon während der letzten Tage am Berg – inzwischen über eine Woche her – hatte uns Charly angekündigt, dass wir uns erst mal mit ein paar Tagen weniger gutem Wetter würden abfinden müssen. So stand dann auch bald der Entschluß fest zum Sauerstoff-Tanken ins anfängliche Ausgangslager – auch Chinese Basecamp genannt oder der Name der Einheimischen „Sughet Jungal “ – auf 3850 m abzusteigen.  „Sughet Jungal“ bedeutet so viel wie Urwald oder Dschungel aus Büschen. Und so hatten wir es auch von unseren ersten Tagen in Erinnerung. Wunderbar grün mit frischer, feuchter Luft, die den ausgetrockneten Atemwegen gut tut. Überall Wiesen und Büsche mit kleinen Bächen, dazwischen unsere persönlichen Zelte, ein Mannschafts- und ein kleines Küchenzelt, die wir für solche Rasttage hatten stehen lassen.  Nach über vier Wochen im eher steinigen Italy-Basecamp am Rande des K2-Gletscher war es gut hier unten anzukommen.

So genossen wir auch ausgiebig Spaziergänge im Grünen und in der näheren Umgebung, wir konnten uns genüsslich ausruhen, Lesen und am Nachmittag bei starkem Wind aus dem Shaksgam-Tal unsere Geschicklichkeit mit Tommy’s Lenkdrachen testen. Drei Nächte lang atmeten wir die „dicke“ Luft und konnten uns prima erholen. Sogar die schrundigen Fingerspitzen und verbrannten Lippen heilten und so war es ein echter Gewinn abgestiegen zu sein.

Nach einem längeren Gespräch am Donnerstag Nachmittag mit Charly (Dr. Karl Gabl) – dem wir an dieser Stelle wieder einmal mehr für seine hervorragenden Wettervorhersagen danken möchten – stiegen wir am Freitag Nachmittag bestens ausgeruht in 5 Stunden wieder in unser eigentliches Basislager auf. Wo es andere Annehmlichkeiten gibt: vor allem der sehr motivierende Ausblick auf den K2 – der sich heute immer mal wieder zwischen den stürmisch dahin ziehenden Wolken zeigt –  ist schon die halbe Miete für einen erneuten Start am Montag. Dann nämlich soll es wieder einige Tage brauchbares Wetter geben, während denen wir hoffen unser letztes Lager auf annähernd 8000m erreichen und einrichten zu können.

Für heute wieder beste Grüße von unserem völlig einsamen Basislager,

Gerlinde mit Ralf  und dem ganzen Team


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4. Bericht – Int. K2 North Pillar Expedition 2011

25.07.2011

Fünf Tage oder 4 Hochlagernächte waren wir wieder unterwegs am Berg. Am Samstag Abend sind wir müde aber vor allem auch sehr zufrieden ins Basislager zurück gekommen.

Am 19. Juli waren wir nach Ankündigung einer mindestens sechstägigen Gutwetterphase vom Basislager aus aufgebrochen. Noch sehr bescheidenes Wetter – ab unserem Depot durchgängig Schneefall und starker Nebel – bescherte uns fast 30 cm Neuschnee. Der uns bei Ankunft in Lager I zunächst auch an unseren weiteren Plänen zweifeln ließ. Der Aufstieg über den sehr spaltenreichen Gletscher mit mehreren glimpflich verlaufenen Spaltenstürzen tat sein übriges dazu.

Über Nacht hatte es ein wenig aufgeklart und so starteten wir am 20. Juli um 5:30 Uhr. Das Einstiegscouloir, durch das Nachts noch eine Lawine herunter gesaust war, hatte ordentliche Eisverhältnisse. Am Firngrat dann wieder sehr, sehr anstrengende Tiefschneeverhältnisse – zum Teil mit Harschdeckel, was die Spurarbeit sehr anstrengend machte. Da wir dies erwartet hatten, beschlossen wir an diesem Tag nur bis zur Felsschulter aufzusteigen, wo sich die anderen auf sehr engem Raum zwei Plattformen für ihre Zelte eingerichtet hatten. Wir deponierten dort die mitgebrachten Seile und während die anderen vier am Nachmittag die Seile noch ein Stück weiter nach oben brachten, seilten wir wieder ins Lager 1 ab.

Am darauffolgenden Tag stiegen Ralf und ich mit Seilnachschub auf bis Lager II. Über Nacht hatte es wieder etwas Neuschnee und Wind gegeben, sodass wir erneut tief zu Spuren hatten. Auf 6600 Meter am Platz von Lager II, wo wir vor einer Woche schon persönliches Material deponiert hatten, kamen wir nach insgesamt 11 Stunden an. Wir konnten Seile für die Route nach Lager III mitbringen, während die anderen ihr persönliches Material von der Felsschulter hinauf transportiert hatten. Nun waren wir wieder beisammen.

Das Wetter war lokal, an der Nordseite des K2, mit einem gewissen Staueffekt durch den Südwestwind, sehr unbeständig. Vor allem der Wind und auch immer wieder Schneefall setzten uns zu.
Dennoch wollten Vassiliy, Ralf und ich am nächsten Morgen aufbrechen, um die Route Richtung Lager III zu eröffnen. Maxut, Darek und Tommy stiegen etwa 300 Hm ab. Die am Tag zuvor deponierten Seile mussten nach oben gebracht werden, während wir uns an den weiteren Aufstieg machten. Bei wenig Sicht arbeiteten wir uns am Grat entlang höher. Zwischendurch klarte es immer wieder auf und Sturmböen füllten die getretene Spur in minutenschnelle wieder mit Triebschnee zu. Im felsdurchsetzten Gelände kamen wir etwas schneller voran. Maxut, Ralf und Darek deponierten die mitgebrachten Seile auf ca. 7000 Meter, während Vassiliy und ich noch bis zu unserem geplanten Lager III auf ca. 7250 m die Route versicherten.

Ausgekühlt und sehr zufrieden erreichten wir um ca. 17.00 Uhr wieder unser Lager II, wo Ralf Vassiliy und mich mit heißen Getränken erwartete.
Wir hatten unser nächstes Etappenziel, das Erreichen des Platzes von Lager III, geschafft.

Einen Moment lang überlegten wir, am nächsten Morgen wieder nach Lager III aufzusteigen, dort zu übernachten, um dann bereits an der Route Richtung Lager IV (Ausgangslager für den Gipfel) zu arbeiten. Diese Idee verwarfen wir angesichts des Windes und Schneefalls über Nacht und machten uns am nächsten Morgen, bei aufklarender Sicht, mit sehr viel Zufriedenheit über das bisher Erreichte, an den Abstieg. Kurz vor der Ankunft in Lager I ging westlich unserer Route eine Lawine ab, deren Ausläufer unser Lager I und die Aufstiegsspur dorthin genau nicht gefährden konnten.

Beim Hinauslaufen über den K2-Gletscher entdeckten wir zwischen den Eistürmen noch einen traumhaft gelegenen, kleinen See, der uns schon ans Deep-Water-Soloing mit Eisgeräten und Badehose denken ließ. Wenn denn das Wasser nicht knapp über dem Gefrierpunkt liegen würde.
Eine Stunde später saßen wir bei heißer Nudelsuppe in unserem Mannschaftszelt, wo wir von Abdul, unserem uigurischen Koch, bestens versorgt werden. Die Stimmung im Team ist nach fast 40 Tagen unterwegs sein, sehr gut und positiv.

Charly Gabl hat uns für die nächsten Tage starken Sturm angekündigt. Diese Zeit werden wir zur bestmöglichen Regeneration mit viel Essen und Lesen nutzen.

Für heute verabschieden wir uns wieder mit vielen lieben Grüßen,

Gerlinde und Ralf


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