K2 2009 – 7. Bericht – 3. update

K2 Basislager – Samstag, 25. Juli 2009

Ein extrem anstrengender Tag für Gerlinde und David und ein furchtbar spannender Tag für uns im Basislager liegt hinter uns.

Es hatte strahlend angefangen; nämlich gestern abend mit einem völligen Aufklaren und einer wunderbaren Abendstimmung, die später in frische, kalte Luft mit brilliantem Sternenhimmel übergegangen war. Als ich um 01:30 Uhr vor lauter Nervosität zum ersten Mal vor dem Zelt stand noch das gleiche Bild: Sterne und Sternennebel so weit das Auge reicht.

Um 2:45 Uhr stehe ich wieder draußen und schaue nach oben; im Schlafsack war es mir schlagartig zu warm geworden – und tatsächlich hatte es fast völlig zugezogen. Charly hatte zwar noch ein Feuchtigkeitsband vom Süden Pakistans bis zum K2 angekündigt, aber dass es mitten in der Nacht zuzieht war doch etwas beunruhigend.

Mit dem Hellwerden dann aufgelockerte Cumuli-Bewölkung – doch gar nicht so schlecht. Der Broad Peak nebenan passt gerade noch unter die Bewölkung und seine Gipfel sind frei. Um 7:00 Uhr kann ich zum ersten Mal mit Gerlinde und David reden: Außer einigen Böen, die ziemlich am Zelt gerüttelt haben war es eine ruhige Nacht und sie konnten sogar enigermassen schlafen. Sie sind guter Dinge!

Die ersten Sonnenstrahlen konnten ihr Zelt und das von Fabrizio um 8:00 Uhr erreichen, wie wir hier unten mit dem Fernglas verfolgen können. Als die drei um ca. 9:00 Uhr ihren Biwakplatz verliessen fing es leider an zu zu ziehen. Der K2 macht dem Fitz Roy in Patagonien alle Ehre; der ursprünglich Name des Fitz „El Chalten“ bedeutet „der Rauchende“. Es „raucht“ von der Magic Line über die Cesen-Route und den Abruzzen-Grat oberhalb von 7000 m. Fast den ganzem Tag. Zwar können wir immer wieder durch kleine Wolkenlöcher die steile, kombinierte Rampe von Lager III zur Schulter erkennen. Aber Gerlinde und die beiden Männer bleiben im Verborgenen.

Als sich Gerlinde um 12:10 am Funkgerät meldet bin ich erleichtert. „Leider kommen wir nicht so gut voran wie erhofft. Der Fels ist sehr brüchig und die beste Aufstiegsroute nicht einfach zu finden.“ Immer wieder würden alte Fixseile zwar den Weg weissen, aber als Fixseile sind diese von der UV-Strahlung stark versprödeten Polypropylen-Seile nicht zu gebrauchen. (Oftmals reicht ein halbes Jahr starker Sonnenstrahlung auf knapp 8000 m Höhe um aus einem Seil mit ehemals 1000kg Bruchlast nur noch Schrott zu machen.

Fast den ganzen Nachmittag über können wir weder jemanden im Fels erkennen noch am Funkgerät etwas hören. Erst um 17:00 Uhr sehe ich am Beginn der abschliessenden Schneeflanke zur Schulter Gerlinde und David – und weit zurückgefallen Fabrizio. Die ansruchsvollsten Passagen im Kombi-Gelände haben sie hinter sich. Sie werden aber noch mindestens eine Stunde bis zur Schulter brauchen.

Und tatsächlich, vor wenigen Minuten, kurz nach 18:00 Uhr, meldete sich Gerlinde „Sind am Beginn der Schulter angekommen. Es war sehr, sehr anstregend zu zweit alles zu spuren“. Im Hintergrund höre ich das Rauschen des Windes, es muss an dieser ausgesetzten Ecke des K2 sehr stark blasen. Sie wollen jetzt erst mal ihr Minizelt aufbauen, Schnee schmelzen und etwas Flüssigkeit zu sich nehmen und sich dann nochmals melden. „Gutes Zeltaufbauen“ wünsche ich den Beiden – wohlwissend wie hart das bei diesem Wind noch wird.

Für morgen hat Charly – Dr. Karl Gabl – nochmals die zu erwartenden Feuchtewerte und die Windgeschwindigkeiten durchgegeben. Es sieht gut aus für morgen. Jetzt müssen sich Gerlinde und David aber erst mal von den Strapazen des heutigen Tages erholen und vor allem genügend Flüssigkeit zu sich nehmen. Wann und wie es morgen weiter geht werde ich später noch von Gerlinde hören und morgen vormittag in einem ersten Zwischenbericht mitteilen.

Allerbeste Grüße – nach einem deutlichen Abfallen der Anspannung, freue mich riesig, dass die beiden gut bis zur Schulter hinaufgeklettert sind,

Ralf Dujmovits


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2009 K2 – 7. Bericht – 2. update

K2 Basislager – Freitag 24. Juli 2009

Momentan warte ich noch auf einen weiteren Funkkontakt mit Gerlinde; um ca. 15:00 Uhr war sie mit David zusammen 50 m unterhalb vom üblichen Platz von Lager III angekommen. An einem etwas windgeschützteren Platz bei einem großen Felsen beziehen sie gerade ihr zweites Biwak (ca. 7250 m). Fabrizio war ein wenig hinterher, sollte aber auch demnächst ankommen. Es hatte den ganzen Tag stark geblasen, nur zwischendurch gab es bisweilen 10 – 15 Sekunden dauernde Windpausen. Gerlinde hörte sich angestrengt aber sehr zufrieden an.

Der Tag hatte wieder sehr spannend angefangen. Vom Brummen des Windes im Gipfelbereich war ich um 6:00 Uhr aufgewacht. Die Stunde bis zum ersten Funkkontakt mit Gerlinde und David um 7:00 Uhr verging unendlich langsam. Dann das Knacken im Funkgerät: „Habt Ihr gut geschlafen?“, frage ich als erstes. „Ja, nur der starke Wind hat etwas gestört und teilweise war kein Auge zuzubringen.“ Es muss fast die ganze Nacht durch stark geblasen haben, finde ich dann heraus. Und auf dem winzigen Absatz von Lager II muss es SEHR ungemütlich zugegangen sein. Jetzt seien sie am Schneeschmelzen und hoffen gegen 8:00 Uhr aus den Zelten zu kommen.

Wir verabreden uns auf 10:00 Uhr zum nächsten Funkkontakt. Zu diesem Zeitpunkt riss es ein wenig auf und wir konnten mit dem Fernglas sehen, dass Gerlinde, David und Fabrizio gut voran kamen. Die erste schweren Felsstufen hatten sie bereits überklettert und waren schon am Beginn des ersten großen Schneefeldes oberhalb von CII. Um 10:45 dann der erhoffte Kontakt zu Gerlinde: es gehe außer dem starken Wind und einigen Triebschneeansammlungen sehr gut. Zumeist sei der Schnee vom Wind gut gepresst und die Spurarbeit sei zu verkraften.

Später sehen wir die drei über den ausgesetzten Biwakplatz von Gerlinde und David vom letzten Aufstieg vor 14 Tagen hinaussteigen. Über das zweite große Schneefeld scheint es auch gut hianuf zu gehen. Um 15:00 Uhr dann die erlösende Nachricht, dass sie gut angekommen sind. Zwar sei im zweiten Schneefeld an vielen Stellen Blankeis durchgekommen, trotzdem waren sie gut voran gekommen.

Prima! Ich freue mich, viel Anspannung fällt ab. Charly’s heutiger Wetter-Update fällt nicht ganz so positiv aus – morgen, Samstag, soll es schon noch bewölkt sein. Hoffentlich nicht zu sehr, damit die drei sich gut orientieren können. Der kombinierte Aufstieg hinauf zur Schulter ist nicht ganz leicht zu finden. Ständig 50 – 70° Grad steiles kombiniertes Gelände. Und seit einem Jahr war dort niemand mehr. Dafür sieht die Vorhersage für den Sonntag sehr gut aus – es wäre sooo schön……

Drücken wir den dreien die Daumen, morgen melde ich mich wieder – für heute einen herzlichen Gruß!

Ralf Dujmovits


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2009 K2 – 7. Bericht – 1. update

K2 Basislager – Donnerstag, 23. Juli 2009

Es schneit draußen heftig und genauso heftig rüttelt der Wind am Zelt als ich heute morgen gegen 6:00 Uhr aufgewacht bin. Mein erster Gedanke gilt Gerlinde und David, die sicher deutlich höhere Windgeschwindigkeiten dort oben in ihrem Adlerhorst von Lager II haben. Eigentlich hatten wir ausgemacht erst mittags um 12:00 zu funken. Trotzdem schalte ich das Funkgerät an und keine 10 Minuten später meldet sich Gerlinde. Die ganze Nacht über hatten sie starken Wind und auch reichlich Niederschlag. Sie hatten um 5:00 Uhr angefangen Schnee zu schmelzen und als der Wind und auch der Schneefall nicht nachliessen, hatten Gelinde und David über die Möglichkeit eines Wartetags angefangen zu sprechen. Inzwischen ist ihr Gespräch zur Gewissheit geworden: sie werden heute – falls sich der Wind in den nächsten beiden Stunden nicht legt – einen Tag in Lager II ausharren. Ansonsten geht es beiden bestens; gut geschlafen, genügend getrunken und gegessen und auch die Höhe macht sich kaum bemerkbar. Wir verabreden unsere nächste Funkzusammenkunft auf 10:00 Uhr.

„Schneeleopard an Hauskatze“ meldet sich David. „Nein, der Wind hätte sich nicht gelegt“. War eigentlich fast klar – Karl Gabl hatte das gestern entsprechend angekündigt. Und so bleiben sie und auch Fabrizio für heute in Lager II. Damit ist klar: der Sonntag wird zum möglichen Gipfeltag gekürt.

Auch die Kollegen auf dem Abruzzen-Grat bleiben heute in Lager II. Gestern hatten sie über 10 Stunden gebraucht, um ihr Lager II auf 6700 m zu erreichen. Die Fixseile seien völlig vereist gewesen und es hätte den ganzen Tag stark geblasen und geschneit. Auch Jorge aus Asturien und Gerfried und Christian aus der Steiermark wollen ihren Aufbruch vom Basislager um einen Tag auf morgen, Freitag, verschieben. Sie wollen um einen Tag versetzt über den Abruzzengrat nachfolgen und am Sonntag dann möglichst direkt von Lager III aus in den Spuren der anderen versuchen zum Gipfel zu kommen.

Um 15:00 Uhr kann ich nochmals mit Gerlinde und David sprechen. Sowohl im Basislager als auch bei ihnen und Fabrizio in Lager II hatte es zwischenzeitlich ein wenig aufgeklart. Jetzt schneit es oben wieder und bei starkem Wind besteht null Sicht. „Es war sicher eine gute Entscheidung, den Aufstieg um einen Tag zu verschieben“ meint Gerlinde. Der neueste Wetter-Update von Charly vom späten Vormittag bestätigt dies und verspricht auf den Sonntag als neuen Gipfeltag wenig Wind und trockenes Wetter. Super, passt prima!

Gerlinde, David und Fabrizio wünsche ich schon jetzt eine ruhige Nacht. Und für morgen bessere Verhältnisse für Ihren Aufstieg zum zweiten Biwak am Platz von Lager III auf 7300 m.

Für heute verabschiede ich mich wieder mit einem herzlichen Gruß aus einem windig-frischen K2-Basislager,

Ralf Dujmovits


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2009 K2 – 7. Bericht

K2 Basislager – Donnerstag, 22. Juli 2009

Um 4:00 Uhr piepste der Wecker, kurz darauf kam Karimulla mit einem heißen Tee ans Zelt. Gerlinde hatte eine unruhige Nacht verbracht – die positive Anspannung auf den Beginn des Gipfelversuchs hin hatte sich mit vielmaligem Drehen von links nach rechts und umgekehrt bemerkbar gemacht. Gerlinde gehört zu den Menschen, die alle möglichen Situationen des Aufstiegs, auch der Gefahrenstellen und möglicher Umkehrkriterien sich völlig verinnerlichen. Draußen hatte es angefangen leicht zu schneien. Jetzt verstanden wir auch, warum es die Nacht über im Zelt eigentlich viel zu warm war: der Himmel war völlig bedeckt, kein Stern weit und breit, dichter Nebel und leichter Schneefall begann sich übers Lager zu legen.

Um 4:30 saßen wir beim Frühstück, dass unsere Küchenmannschaft liebevoll hergerichtet hatte. Die Stimmung war erwartungsvoll wegen des Schneetreibens draußen.

Um kurz vor 5:00 Uhr kam Fabrizzio herein, der sich Gerlinde und David wie vor zwei Jahren – damals beim Nonstop-Besteigungsversuch – wieder angeschlossen hatte.

Zum Abschied standen alle im Schneetreiben vor dem Küchenzelt. Gerlinde, David und Fabrizzio wurden von allen nochmal heftig umarmt – dann ging es im Schein der Stirnlampen bei Einbruch der Dämmerung los zum Einstieg der Cesen-Route.

Ziemlich aufgeregt habe ich mich noch mal ins jetzt leere Zelt in den warmen Schlafsack gelegt. Ich kenne die Gefahren des K2, spüre aber seit Monaten die Vorfreude Gerlinde’s auf den Gipfelgang. Alles wird gut werden, ich weiß es und habe das allergrößte Vertrauen zu ihr und David. Mit Charlies Unterstützung auf der Wetterseite werden die beiden es bestimmt gut machen und gesund wieder ins Basislager zurück kommen.

Den ganzen Vormittag ist es bedeckt und schneit, wie es Charly angekündigt hat. Erst um 11:30 Uhr reißt es ein wenig auf und wir können auf 6400 m Lager II erkennen. Sehr viel hat es oben nicht geschneit – nur wegen der 150m-Flanke direkt unterhalb von Lager II mache ich mir ein wenig Sorgen. Nur wenige Zentimeter Neuschnee führen in solchen etwa 45 – 50 Grad steilen Schneeflächen schnell zu großflächigen Schneerutschen.

Um 13:00 meldet sich David: „Hauskatze für Schneeleopard, bitte kommen“. Die Hauskatze Ralf meldet sich. Jetzt ist Gerlinde am Funkgerät: alles ist gut gegangen, schon nach 4 Stunden und 15 Minuten ab Wandfuß waren Sie bei teilweise dichtem Schneetreiben nach 1400 Höhenmetern im Lager II angekommen. Im Hintergrund höre ich den Kocher surren während Gerlinde spricht. Der Wind hatte sich in Grenzen gehalten, anstrengende Spurarbeit erst ab 5800 m. Und tatsächlich kurz unter Lager II die erwarteten, teilweise heftigen Schneerutsche. Da das Schmelz-Wasser gerade kocht, verabreden wir uns zu einer weiteren Funkzusammenkunft um 14:30 Uhr.

Dabei kann ich dann auch den letzten Wetter-Update von Charly durchgeben: Auch morgen, Donnerstag, soll es noch etwas durchwachsen sein mit Schneefall. Und der Wind bleibt bis Samstag früh noch recht stark. Hoffentlich nicht zu stark für den Aufstieg von Lager III auf die Schulter des K2 am Freitag. Ohne Fixseile im kombinierten Gelände. Für diesen Teilabschnitt habe ich etwas Bedenken. Aber Gerlinde und David könnten auch einen Tag zuwarten, falls es zu sehr  bläst. Auch der Sonntag soll neben dem Samstag noch windschwach und bis Mittag stabil bleiben.

Um 18:30 werden mich Gerlinde und David nochmals anfunken. Ich freue mich schon darauf, die beiden zu hören.

Für heute verabschiede ich mich, und hoffe mich morgen mit guten Neuigkeiten von „oben“ wieder zurückmelden zu können.

Liebe Grüße,

Ralf Dujmovits


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