5. Bericht aus dem Everest BC
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Heute hat uns folgender Bericht von Ralf erreicht. Herzliche Grüße aus dem Büro von Gerlinde Kaltenbrunner!
17. Mai 2010
Liebe Freunde,
14 Tage sind seit unserem letzten newsletter vergangen. 14 Tage mit schlechtem bis sehr schlechtem Wetter. In einem seiner Wetterinfos hatte uns Charly Gabl – Freund und Meteorologe mit Kultstatus – zum Beispiel am 11. Mai geschrieben: Wind on Top: MI: W 140 km/h, DO: W 135 km/h, FR: WSW 110 km/h. Auch hier in unserem Basislager hatte es uns ordentlich geschüttelt: zwei Mal wäre bei schweren Sturmböen fast das Küchenzelt weggeflogen. Im ABC am tibetischen Normalweg hat es zahlreiche Zelte zerstört, ganze Messzelte samt schweren Solaranlagen flogen durch die Lüfte.
Gestern und vorgestern nun waren endlich wieder brauchbare Tage und so sind Gerlinde und ich nochmals an den Fuß der Everest-Nordwand gegangen: zum einen um die Akklimatisation aufzufrischen, zum anderen aber auch um die Eisverhältnisse in der Nordwand nach den Schlechtwettertagen zu testen.
Schon im Zustieg verschwand Gerlinde beim Vorausgehen zweimal in zugewehte Gletscherspalten. Die Neuschneeauflage von durchschnittlich 10 – 15 Zentimeter war stellenweise so stark verblasen, dass selbst größere Spalten nicht mehr zu erkennen waren.
Trotzdem konnten wir nach 5 Stunden unser kleines Depot auf dem Gletscherplateau unter der Nordwand erreichen. Auch bei den Temperaturen sollte Charly wie immer recht behalten: in seinem Mail vom 14. Mai hatte er geschrieben: Allerdings sind im Gipfelbereich für den Samstag (also vorgestern, 15.Mai) noch -35 °C lt. Modell zu erwarten. Das langfristige Modell, wie gut das auch stimmen mag, zeigt für den 22.Mai ein Minimum von -29 °C mit der Tendenz noch steigend an.
Es war eine eisige Nacht; schon bei Sonnenuntergang hatte es -15°C. Umso froher waren wir als gestern morgen (16. Mai), die Sonne unser kleines Zelt erreichte. Ruckzuck hatten wir gefrühstückt, die Rucksäcke gepackt und waren auf dem Weg zum Einstieg der Nordwand. Ein völlig veränderter Bergschrund erwartete uns: wo sich das letzte Mal noch ein 40 Meter tiefer Abgrund aufgetan hatte war dieses Mal eine geschlossene Schneebrücke mit einem 30 Zentimeter breiten Einriss. Die einzige Möglichkeit das senkrechte Eis zu erreichen. Die Verhältnisse waren besser und sicherer als das letzte Mal – ein 20 Qubikmeter großer Eisserac war herunter gebrochen und bedrohte den Aufstieg nicht mehr.
Vier Eisschrauben später stand ich an der Oberkante des Eisabbruchs. Was dann kam war ziemlich spannend: Die beiden Eisgeräte in unsicherer Schneeauflage oberhalb der Kante gesetzt, stürzte wie aus heiterem Himmel eine minutenlange Spindriftlawine (siehe Bild) auf mich nieder. Es fehlte die Luft, die um die Griffe der Eisgeräte gespannten Hände wurden allmählich lahm und die Füße – noch im senkrechten Eis – waren nicht mehr zu sehen und zu spüren. Endlich ließ der Spindrift nach und ich konnte mich über die Kante in etwas flacheres Gelände retten. Kaum hatte ich eine Eisschraube gedreht kam die nächste Ladung Spindrift. Gerlinde bereits im Nachstieg. Prost! Als sie über die Kante und an den Stand kam sah sie aus wie ein Schneemann.
Wir stiegen noch ein paar Seillängen weiter und seilten dann an Abalachow-Eissanduhren ab.
Am Abend zurück im Basislager dann das entscheidende Gespräch: Gerlinde würde gerne bei der nächsten Schönwetterphase mit den aktuellen Verhältnissen den Durchstieg durch die Wand wagen wollen. Mir geht es ganz anders: Die Schneebedeckung der letzten Schlechtwetterperiode hat sich wegen der tiefen Temperaturen nur an wenigen Stellen mit dem darunter liegenden blauen Blankeis verbunden. D.h. wir würden uns an vielen Stellen gegenseitig sichern müssen, was sehr viel zusätzliche Zeit in Anspruch nehmen würde. Damit wäre abzusehen, dass wir öfter als die beiden vorgesehenen Male in der Wand biwakieren müssten. Weitere brauchbare Biwakplätze sind keine vorhanden, aus dem Eis welche herauszuhacken braucht Stunden und sehr viel Kraft und an die nötige Erholung wäre auf solchen Miniplätzen nicht zu denken. Eine Schönwetterperiode von mehr als drei Tagen zu erwischen wäre zudem äußerst ungewiss. Selbst schwacher Wind führte dazu, dass der locker aufliegende Schnee im Japaner-Couloir als große Mengen Spindrift herunterkämen, – was das Vorwärtskommen wiederum gefährlicher und langsamer machen würde.
Für mich kommt der Wanddurchstieg nicht in Frage und so habe ich Gerlinde gebeten mit mir über die Odellroute auf 7200m auf den N- bzw. NO-Grat auszuweichen. Diesen bis zum Gipfel ohne Zusatz-Sauerstoff zu erreichen ist immer noch Herausforderung genug. Die Wahrscheinlichkeit gesund im Basislager anzukommen ist dabei deutlich größer.
Ich muss einsehen, dass ich nicht mehr so wagemutig bin wie in jungen Jahren. Vielleicht sehe ich mit jahrzehntelanger Erfahrung aber auch die Risiken und Gefahren zu sehr im Vordergrund. Vielleicht habe ich in den langen Jahren des Unterwegs-Seins auch zu viele tödliche Unfälle an den höchsten Bergen gesehen. Vielleicht ist es auch alles zusammen genommen, was mir einen Durchstieg nicht erlaubt.
Auf jeden Fall wird Gerlinde auf die Wand, auf die wir uns so lange vorbereitet haben, mir und meiner Intuition zu Liebe verzichten.
Charly sagt für die Tage nach dem 22. Mai ein paar windschwächere Tage voraus. Vielleicht ist unsere Zeit für einen Gipfelaufstieg dann doch gekommen.
Mit einem herzlichen Gruß aus unserem einsamen Basislager,
Ralf Dujmovits
Everest basecamp – 4. Bericht
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9. Mai 2010
Liebe Freunde,
noch immer befinden wir uns hier im vorgeschobenen Basislager.
Die ersten Tage nach unserer Rückkehr waren notwendig, um uns auszurasten und zu regenerieren nach den Tagen und Nächten in der Höhe. Nun aber wären wir mehr als erholt und warten sehnlich auf gute Nachrichten von Charly Gabl. Im Moment bläst es aber im Gipfelbereich sehr stark und auch die nächsten Tage soll der Jet noch anhalten. Charly kündigt Windgeschwindigkeiten zwischen 110 km/h (Montag) und 150 km/h (Mittwoch) an. Einmal öfter ist Geduld gefragt.
Gestern stiegen wir in das chinesische Basislager ab. Hat gut getan, – wir trafen unsere Freunde, die vom nordseitigen ABC ins B.C. zur Erholung abgestiegen sind. Ihr vorgeschobenes Basislager liegt deutlich höher auf 6400m, in dieser Höhe ist wirkliche Regeneration kaum mehr möglich.
Ralf und ich sind in diesen Tagen viel am Lesen, Musik hören, und immer wieder steigen wir auf die Moräne über unserer Basislagermulde, von wo aus wir die komplette Nordwand einsehen können. Im Moment liegt mehr Schnee im Couloir, was wahrscheinlich der Jet in den nächsten Tagen wieder vollkommen “ausputzen” wird. Die Temperaturen sind zu niedrig, sodass sich der Schnee mit dem Eis nicht verbinden kann. Im Gipfelbereich herrschen im Moment -32 bis -35° Celsius.
Ja, abwarten ist an der Tagesordnung! Bestimmt kommen einige windarme Tage. Die Hoffnung stirbt zuletzt
Bevor wir aufbrechen, melden wir uns noch einmal bei euch.
Für Heute einen herzlichen Gruß und bis hoffentlich bald wieder.
Gerlinde und Ralf
TV Hinweis für Freitag, 7. Mai 2010
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TV Tipp SWR “Kaffee oder Tee” / Berichterstattung aus Tibet
16:00 – 18:00 Uhr (voraussichtlich ca. 17.10 Uhr)
Am Freitag, 7. Mai wird im SWR Fernsehen “Kaffee oder Tee” wieder eine Video-Meldung von Gerlinde und Ralf ausgestrahlt.
Herzliche Grüße aus dem Büro von Gerlinde Kaltenbrunner!
Gerlinde und Ralf berichten aus dem Everest BC – 3. Bericht
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4. Mai 2010
Liebe Freunde,
In stockdunkler Nacht (ca.22.00 Uhr ) sind wir am 01. Mai wieder in unser Basislager zurückgekehrt. Nach einem langen Abstieg von 7600m gingen uns Sitaram und Tashi eine Stunde vorm Basislager mit Mangosaft entgegen. Nach einer Nudelsuppe hier im Basislager sind wir mit einem guten Gefühl der perfekten Akklimatisation in einem Tiefschlaf verfallen.
Aufgebrochen waren wir am 26. April zu unserer zweiten und abschließenden Akklimatisation zum Wandfuß. Dort gruben wir unser Depot aus und verbrachten eine gute, aber windige Nacht unter der Nordwand. Von den Bedingungen in der Wand konnten wir bis dahin keine Veränderung feststellen.
Am nächsten Morgen stiegen wir angeseilt über sehr spaltenreiches Gelände und unter zwei großen bedrohlichen Seracs in der Südwand des Changtse in Richtung Nordsattel aufwärts. Mittags hatte es vollkommen zugezogen, am Nordsattel blies starker Sturm. Kurzfristig entschieden wir, ca. 300 m unterhalb in einer geschützten Spalte unser Zelt aufzustellen. Tags darauf mussten wir einen Bergschrund überwinden bevor wir die letzten 300 Höhenmeter bis auf 7100 m aufstiegen. Angeseilt, da Blankeis-Verhältnisse, kletterten wir höher. In der 3. Seillänge krachte mir plötzlich ein tellergroßer Stein auf`s Eisgerät…..Glück gehabt!!! Ralf schrie zu mir herauf, ob alles in Ordnung sei. Mir zitterten ziemlich die Knie, sonst passte alles!!! Wahrscheinlich hatte ein Bergsteiger knapp oberhalb des Nordcols den Stein abgetreten.
Weiter ging es über eine Schneeflanke bevor die Verhältnisse wieder in Blankeis wechselten. Das Gelände war nicht steil. Maximal 45 Grad. Trotzdem blieben wir aufgrund des Steinschlags angeseilt und sicherten uns gegenseitig. Wie fast jeden Tag hatte es wieder zu winden und auch stark zu schneien begonnen. Ralf war ein wenig zu dünn angezogen und war inzwischen völlig ausgekühlt. Am Nordsattel angekommen bauten wir schnell unser kleines Zelt auf und starteten den Kocher. Wir tranken wie immer viel, von Hunger war nicht wirklich die Rede. Trotzdem ein paar Bissen Knäckebrot, Käse und Suppe musste sein. Eine eisige Nacht stand uns bevor. Ralf nieste und schnupfte im Halbstundentakt,- hoffentlich würde er sich bis zum Morgen wieder erholen. Auch Nachts trank er heißes Wasser.
In der Früh wachten wir in Eis überzogenen Schlafsäcken auf und das gesamte Zeltinnere war mit einer dicken Eisschicht überzogen. Zum Glück kommt dort oben bereits um halb 6 Uhr die Sonne. So konnten wir während des Frühstücks unsere gesamte Ausrüstung trocknen. Ralf fühlte sich wieder besser so stiegen wir am Vormittag weiter auf.
Wir kamen gut voran. Jeder von uns wollte im eigenen Tempo aufsteigen. Ralf war viel damit beschäftigt bei glasklarer Sicht zu fotografieren und zu filmen. Ich wollte inzwischen voraus um einen geeigneten Zeltplatz zu finden; es zeichnete sich ab, dass es am frühen Nachmittag wieder vollkommen zuziehen würde….
Auf 7600 m fand ich einen Platz an dem nicht allzu viel vorzubereiten war. Ein paar grobe Steine wegräumen, etwas Schnee drauf, und schon war die Plattform perfekt. Im Sturm war ich froh, dass wir immer ein unkompliziertes kleines Zelt dabei haben, obwohl wir uns darin doch manchmal ziemlich beengt fühlen. Heute war es ruckzuck aufgestellt und der Gedanke an Enge war keineswegs vorhanden.
Eis holen und schon lief der Kocher. Nun kam auch Ralf an, froh darüber, dass er gleich ins Zelt schlüpfen konnte, waren seine Finger vom Fotografieren doch fast steif geworden.
Beide freuten wir uns über die bisher gelungene gute Akklimatisation. Hoffentlich würde das Wetter halbwegs halten! Im Moment schneite es ziemlich und der Wind blies heftig. Das sollte auch den ganzen nächsten Tag so sein. Unseren Plan am zweiten Tag hier oben ein paar hundert Meter weiter aufzusteigen verwarfen wir wieder. So blieben wir den ganzen Tag auf 7600 m, kochten und füllten unsere Speicher so gut es ging auf. Riss es kurz auf, waren wir mit dem Fernglas am Suchen nach geeigneten Biwakplätzen in der Nordwand. Viel allerdings sahen wir an diesem Tag nicht.
Am Nachmittag riefen wir Charly in Innsbruck an, der uns die tiefen Temperaturen bestätigte und uns aber Hoffnung auf wärmere Tage ab Mitte kommender Woche machte. Zudem erfuhr ich über den super Erfolg unseres Bundespräsident Dr. Heinz Fischer, was mich riesig freute!
Eine weitere Nacht wollten wir auf dieser Höhe verbringen. Wir sind beide überzeugt, für eine Besteigung des Everest ohne künstl. Sauerstoff sind zwei Nächte hier oben von großem Vorteil – wenn nicht sogar unabdingbar.
Diese zweite Nacht war für uns beide sehr anstrengend. Es schneite zwar nicht mehr, jedoch stürmte es mit enormer Geschwindigkeit und es war sehr kalt. Beide taten wir kein Auge zu. Immer wieder lauschte ich und überlegte, ob das Zelt auch wirklich ausreichend fixiert und verankert wäre. Ralf bestätigte mir: mit unserem Gewicht darin, könnte es uns fast nicht wegblasen… trotzdem war an Nachtruhe nicht zu denken.
Früh am nächsten Morgen packten wir unsere gesamte Ausrüstung zusammen und stiegen ab zum Nordsattel. Erstaunlich, dass es dort beinahe windstill war!! Hier konnten wir wieder unsere Sachen trocknen und ein kleines Depot anlegen: eine Gaskartusche, ein wenig Essen und ein Seil. Wir entschieden, nicht unsere Aufstiegsroute abzuseilen, da vorherzusehen war, dass es Lawinen- und Steinschlag-gefährlich sein würde. Wir nahmen den zwar um einiges längeren aber sichereren Abstieg ins nordseitige Basislager. Dort trafen wir auch auf einige Freunde wie Rolf, Andreas, die 3 Spanier sowie Gnaro, Abele und Michelle. Nach einem kurzen Stopp gingen wir um den Changtse herum zurück in unser Basislager. Wir hatten einen sehr langen Abstieg hinter uns. Müde und sehr zufrieden trafen wir wieder hier in unserer Mulde ein. Inzwischen ist auch Joachim Rienhardt zu uns gekommen, er wird einige Tage hier bei uns im Basislager bleiben.
Wie erwartet haben sich auch wieder die Blauschafe von 2005 hier eingefunden. Nun ist unser Team vollständig.
Die nächsten Tage werden wir uns erholen und die Wettervorhersagen von Charly Gabl intensiv verfolgen. Noch sind die Temperaturen zu tief (zur Zeit im Gipfelbereich um -35° Celsius), um ohne künstlichen Sauerstoff Richtung Gipfel zu starten. Aufmerksam beobachten wir die Nordwand und hoffen natürlich, dass wir beim nächsten Aufbruch einsteigen und über diese imposante Route den Gipfel werden erreichen können.
Für heute verabschiede ich mich wieder und sende euch allen viele liebe Grüße aus dem Basislager!
Gerlinde mit Ralf





















