Gerlinde und Ralf berichten aus dem Everest BC – 2. Bericht

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23. April 2010

Liebe Freunde,

der Aufstieg zum Wandfuß erwies sich wie erwartet als unwegsam und lang. Einen Tag später als ursprünglich geplant starteten wir am 18. April von unserem ABC.

Wegen sehr starker, anhaltender Bauchschmerzen stieg Ralf mit Sitaram – unserem Koch – ins Chinese Basecamp ab. Ich hielt hier oben gemeinsam mit den “Schneehühnern” die Stellung. Ein sehr hilfsbereiter mexikanischer Arzt konnte Sitaram helfen, und schon nach einem halben Tag fühlte er sich besser, sodass am Nachmittag beide wieder ins ABC aufsteigen konnten, worüber ich mich riesig freute.

Die ersten hundert Meter vom Basislager entfernt, trafen wir noch auf alte, zum Teil sehr wackelige Steinmänner von der Herbst-Expedition von Alberto Iñurategi. Danach bauten wir alle 50 Meter einen neuen. Mit ca. 15 kg am Rücken war der ständige Steinmännerbau dann doch eine längere Prozedur. Aber lohnend – wir werden noch ein paar Mal den Zentralen Rongbuk-Gletscher mit seinen riesigen Büsereistürmen hinauf- und wieder hinunter müssen. Und die Wegfindung wird dann um Vieles einfacher sein.

Steinmannbau auf dem Zentralen Rongbuk Gletscher

Pause beim Zustieg zur Nordwand

Biwak am letzten Moränenhügel

Am Nachmittag hatte es zugezogen und leicht zu schneien begonnen. Bei fast Null Sicht entschieden wir kurzfristig eine erste Nacht am letzten Moränenhügel zu verbringen.

Bei strahlendem Sonnenschein stiegen wir am nächsten Morgen angeseilt weiter über den flach ansteigenden, sehr spaltenreichen Gletscher bis zum Wandfuß auf 6200 m auf. Wegen des sehr niederschlagsarmen Winters sind die Spalten zumeist zu erkennen oder nur sehr oberflächlich mit einer tückischen Schneeschicht überzogen.

Nach 5 Jahren standen wir nun wieder direkt vor der Everest Nordwand. Unweigerlich kreiste nur ein Gedanke: Werden wir es diesmal schaffen durchzusteigen? Ständig suchten die Augen nach der bestmöglichen Linie. Beide blieben wir mit dem Blick am Einstieg hängen. Wo werden wir den Bergschrund  überwinden können? Gleich morgen früh würden wir den ca. 400 m langen “Spalt” zwischen Gletscher und  dem steil abbrechenden Eis der Nordwand genau anschauen.

Aussicht vom Wandfußlager Pumori, Kumbutse, Gyachungkang (vlnr)

Gerlinde studiert die Wand

Freude über das windfeste Zelt

Erstmal bauten wir unser kleines Zelt auf und verankerten es mit Eisschrauben am Boden, hatte uns doch Charly Gabl – langjähriger Freund und unser Meteorologe aus Innsbruck -  ca. 60 km/h Wind vorausgesagt. Die üblichen 5 Liter Flüssigkeit für jeden von uns dauerten lange, aber es war noch früh am Tag und  wir wollten hauptsächlich die Wand inspizieren, sodass der Kocher nebenbei dahinschnurrte.

Mit Einbruch der Dunkelheit schlüpften wir schon in unsere Schlafsäcke. Außer den Windgeräuschen und dann und wann das tosende Geräusch eines herab fallenden Eisseracs war nichts zu hören. Ewig weit weg von jeglicher Zivilisation, lagen wir zufrieden und voller Zuversicht auf den nächsten Tag in den wärmenden Daunenschlafsäcken.

Gut ausgeruht starteten wir nach dem Frühstück Richtung Wandfuß. Am rechten Rand fanden wir bereits eine zwar waghalsige aber höchstwahrscheinlich doch irgendwie überwindbare Schneebrücke. Etwas fragil aber möglich. …….

Trotzdem wollten wir uns vergewissern, ob es nicht doch noch einen besseren Einstieg geben würde. Ganz links war der Bergschrund über wenige Meter nur ca. einen Meter breit, dort könnte es gut klappen. Wir wollten wenigstens die erste Seillänge klettern, um die Konsistenz des Eises zu spüren. Ein großer Spreizschritt an die Wand, Eisgeräte setzen und sofort eine Eisschraube drehen. Der Blick in den sicher 40 m tiefen Abgrund zwischen Wand und Gletscher ist schon sehr  respekteinflößend.

Bergschrund Everest Nordwand

Gerlinde schon im leichteren Gelände oberhalb des Bergschrunds

Loch gehackt - Material verpackt

Danach einige Meter senkrecht hinauf, die zum Teil 20 cm dicke Schneeauflage ist nicht wirklich mit dem Eis verbunden, dementsprechend schlecht der Halt der Eisgeräte. Danach legt sich das Gelände etwas zurück, in dem sehr harten Eis erweist sich aber auch hier das Setzen der Eisschrauben als sehr mühsam. Danach abseilen. Gut, nun wissen wir ein bisschen mehr. Ralf meinte, nun haben wir dem Everest gerade mal am Hintern gekitzelt. Immerhin schon was. :-)

Langsam kehrten wir zu unserem Zelt  zurück, es hatte zu stürmen begonnen. Plötzlich wurde unser kleines Zelt zur wunderbarsten Insel der Welt. Charly behielt wie fast immer recht – während der Nacht fürchteten wir mehrfach um die Bodenhaftung unserer kleinen Behausung. Der Wind hielt uns beinahe die ganze Nacht über wach. Viel Zeit zum Gedankenaustausch: positiv, der kaum vorhandene Stein- und Eisschlag, der auf die noch sehr niedrigen Temperaturen zurückzuführen ist. Große Bedenken dagegen von Ralfs Seite wegen des Zeitbedarfs für zusätzliche Sicherung im harten, fast durchgängigen Blankeis und den damit verbundenen Mehrbiwaks – deren Plätze bisher noch nicht wirklich erkennbar sind. Ich hingegen bin positiv und glaube an mögliche weitere Biwakplätze, die uns von hier aus noch verborgen blieben. Vom Nordsattel bei unserer weiteren Akklimatisation werden wir mit dem Fernglas mehr erkennen können.

Bei immer noch starkem Wind bauten wir das Zelt am nächsten Morgen ab und vergruben es samt Schlafsäcken und Matten in einem ausgehackten Eisloch. Noch zwei Markierungsstangen – und danach ab ins Basislager, zu Sitaram und Tashi.

Über jeden von unseren Steinmännern freuten wir uns und waren uns einig, dass wir einen guten Weg gefunden und markiert hatten. :-)

Sitaram und Gerlinde

Unweigerlich schlich sich unterwegs die Vorstellung von Gemüsereis, Polenta, noch immer “frischen” Karotten und Radi ein.

Angekommen im Basislager, raus aus den dicken Expeditionsschuhen und erst einmal eine Tasse Milchtee, den Sitaram immer besonders gut mit Kardamon zubereitet.

Nun werden wir noch einen Tag hier verbringen und dann zur nächsten Akklimatisation aufbrechen. Geplant haben wir vom Wandfuß aus über die alte Odellroute zum Nordsattel aufzusteigen. Dort oben möchten wir eine Nacht verbringen und eventuell noch zwei weitere ein Stück oberhalb des Nordsattels.

Danach werden wir uns wieder melden. Bis dahin einen lieben Gruß aus unserer sonnigen, windgeschützten Basislagermulde.

Gerlinde und Ralf


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Everest Expedition 2010 – TV Hinweis

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TV Tipp SWR “Kaffee oder Tee” am 20.04.2010 / Berichterstattung aus Tibet

SWR Fernsehen Kaffee oder Tee

16:00 – 18:00 Uhr

Am Di. 20.04. wird im SWR Fernsehen “Kaffee oder Tee” die zweite Video-Meldung von der Anreise und Einrichten im Basislager ausgestrahlt.


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Gerlinde und Ralf berichten aus dem Everest BC – 1. Bericht

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15.04.2010

Liebe Freunde,

Soviel vornweg: es geht uns gut und unsere Akklimatisation schreitet gut voran. Seit 12. April abends sind wir in unserem vorgeschobenen Basislager auf 5550m.

Kaum mehr konnten wir es erwarten, wieder in Kathmandu zu landen. Die zwei Tage in Kathmandu hatten wir wie immer viel zu tun. Die Luftfracht kontrollieren, restliches Material in unserem Store bei der Agentur zusammen zu packen, letzte Einkäufe….

Von Deutschland aus hatten wir uns bereits mit Miss Hawley zum Mittagessen verabredet. Wir waren erleichtert, sie in “alter Frische” wiederzusehen. Es geht ihr mit ihren inzwischen 86 Jahren gut und sie ist nach wie vor 100%ig bei der Sache. Wie immer wollte sie genau wissen, was wir vorhaben, wann zu wie´vielt und wie lange.

Am zweiten Nachmittag nahmen wir uns Zeit, wieder einmal die Altstadt von Kathmandu zu besuchen. Seit etlichen Tagen hatte die Müllabfuhr gestreikt, dementsprechend sah es auf den Strassen und es stank vielerorts grausig. Zum Glück war der Streik am nächsten Tag vorbei und die Putzkolonnen kehrten eifrig die Strassen sauber.

Am 04. April sehr früh starteten wir mit einem Bus Richtung tibetischer Grenze. Jetzt konnte es so richtig losgehen. Wir freuen uns beide sehr, dieses Mal nur als Zweierteam gemeinsam mit unserem langjährigen Koch Sitaram zum Everest zu fahren. Aber erst noch mussten wir die Grenze bei Zangmu gut passieren. Wir waren eine der ersten Gruppen dieses Frühjahr, dementsprechend streng und genau kontrollierten die Grenzbeamten unsere gesamte Ausrüstung.

Um 17.00 chinesischer Zeit ( 5.45 Std. vor MEZ ) betraten wir Tibet. Den noch jungen, inzwischen zuständigen Verbindungsoffizier für den Grenzübertritt kennen wir schon seit vielen Jahren, umso mehr freuten wir uns, ihn wieder zu sehen.

Zeitgleich mit uns reisten 3 spanische Bergsteiger (Jesus, Pedro und Alfredo) sowie Rolf Eberhard und Andreas Sippel, die am Nordostgrat unterwegs sein werden an.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit einem Jeep weiter nach Nyalam. Wir staunten nicht schlecht, dass die gesamte Strecke asphaltiert bzw. zum Teil betoniert war. Statt der früher üblichen 3,5 Std. Schlaglöcherfahrt benötigten wir nun nur mehr 1.5 Std.!!

In Nyalam auf 3700m trafen wir unseren langjährigen Freund Tashi. Seit über 20 Jahren ist er Mittelsmann zwischen den chinesischen Behörden und den ausländischen Bergsteigern. Zur Eröffnung seines neuen Hotels gab er Abends ein Fest bei tibetischem Tanz und Lagerfeuer.

Unsere erste leichte Akklimatisationswanderung unternahmen wir auf eine 4500m hohe Erhebung gleich hinter Nyalam. Von dort oben hatten wir einen imposanten Blick auf die Berge der Gaurishankar Gruppe und den Jugal Himal südöstlich des Shisha Pangma.

Noch eine weitere Nacht zur besseren und langsamen Höhenanpassung verbrachten wir in diesem kleinen Ort bevor wir am nächsten Tag weiter auf asphaltierter!!! Strasse über den 5050m hohen Lalung Lee Pass nach Tingri fuhren. Für das Frühjahr überraschend trockene Luft erlaubte uns einen glasklaren Blick in die Shisha Pangma Nordflanke. Tingri ist ein mittlerweile großes Dorf auf 4200m gelegen. An die großen Scharen von bellenden Hunden mussten wir uns erst wieder gewöhnen.

Immer mehr vermischt sich die tibetische mit der chinesischen Kultur und Lebensart. Wir begegnen Tibetern telefonierend auf ihren Motorrädern. Anstelle der traditionellen Bambusrohre zur Zubereitung von Buttertee wird inzwischen einfach der elektrische Mixer in Betrieb genommen. Auch hier zieht langsam die Moderne ein.

Auf halbem Weg ins Basislager besuchten wir noch ein tibetisches Dorf namens Zombuk mit den typischen Flachdachhäusern eng aneinander geduckt. Eine Bekannte hatte uns Geld für die von ihr initiierte Schule mitgegeben, das wir an dieser Stelle übergeben haben. Vier kleine Klassenzimmer gibt es, in denen im Moment 35 Schüler von einem chinesischen Lehrer unterrichtet werden. Ohne Engagement dieser Münchner Bergsteigerin in Zusammenarbeit mit Eco Himal würde hier immer noch  Analphabetismus vorherrschen.

Auf holpriger Schotterstrasse ging es die letzten eineinhalb Stunden bis zum sogenannten Chinese Basecamp auf 5200m.  Über Allem dominierte die so beeindruckende Nordwand des Mount Everest. Die fast 3000 Meter hohe Wand lässt einem vorerst das Herz fast in die Hosentasche rutschen.

Deutlich weniger Expeditionen als im Jahr 2005, als wir uns gemeinsam mit Hirotaka schon einmal am Everest versuchten, waren diesmal auf dem Zwei-Fußballfelder-großen Platz anwesend. Internationales Hallo – gute Bekannte von überall aus der Welt sind eingetroffen. Am zweiten  Basislagertag besuchten wir das Kloster Rongbuk, wo wir bereits unsere Pusha für den Everest feiern konnten.

Spät am nächsten Vormittag kam der chinesische Verbindungsoffizier mit drei Helfern und unseren Yakpa´s sowie 8 Yaks. Das gesamte Gepäck und Essen für die kommenden 6 Wochen wurde abgewogen und gerecht auf die Yaks verteilt. Sehr langsam kamen wir auf den unwegsamen Schotterhängen voran. Nur selten steigen Bergsteiger am zentralen Rongbuk Gletscher auf. Unsere Bewunderung für die Yaktreiber mit ihrer grenzenlosen Geduld für ihre Viecher ist endlos. Pfeifend und singend trieben sie ihre Tragtiere stundenlang voran.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichten wir die uns vertraute kleine Mulde auf 5550m. Angekommen! Wegen der Kälte bauten wir nur noch das Küchenzelt und unser kleines Biwakzelt auf. Ein Yakpa holte einen Kanister voll Wasser vom 20 Minuten entfernten Gletscher, Sitaram kochte noch einen Topf voll Nudelsuppe und schon bald lagen wir in unseren Schlafsäcken. Mitten in der Nacht geweckt wurden wir durch ein starkes Gewitter das unmittelbar über uns niederging.

Am nächsten Morgen verabschiedeten sich die Yaktreiber mit ihren weißverschneiten zotteligen Tieren von uns. Plötzlich wurde es hier – nur mehr zu dritt – völlig still und einsam. Was wir als sehr angenehm empfinden!

Die letzten beiden Tage haben wir uns hier gut und gemütlich eingerichtet. Heute Morgen kam der Bruder eines Freundes von Sitaram herauf. Er wird ihm in den nächsten Tagen Gesellschaft leisten und unterstützen. Inzwischen besucht uns auch täglich eine 6 köpfige „Himalaja – Schneehuhnfamilie“.

Die Blauschafe von 2005 haben sich bisher noch nicht blicken lassen. Aber vielleicht ist es noch zu früh. Letzte Nacht hatten wir hier auf 5550 – 10 Grad. Der Frühling darf kommen. :-)

Voraussichtlich werden wir am 17.04. zum ersten Mal zum Fuß der Everest Nordwand aufsteigen. Dort möchten wir unser großes Ziel zwei Tage lang aus der Nähe beobachten und uns gleichzeitig weiterhin gut zu akklimatisieren.

Für Heute senden wir euch ganz herzliche Grüße aus dem Everest Nordwand Basislager!

Gerlinde und Ralf


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Everest Expedition 2010 – TV Hinweis

TV Tipp SWR “Kaffee oder Tee” am 13.04.2010

SWR Fernsehen Kaffee oder Tee

16:00 – 18:00 Uhr (vorrauss. ca. 17:10 Uhr)

Am Di. 13.04. wird im SWR Fernsehen “Kaffee oder Tee” eine erste Video-Meldung von der Anreise nach Tibet ausgestrahlt. Ein ausführlicher Bericht in diesem Tagebuch folgt Ende dieser Woche!


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